Oktober 2007 (gesamt: 326 km)
Oktober 86. Tag: München 15 km
Oktober 87. Tag: München – Altenbüren 8 km
Oktober 88. Tag: Altenbüren 0 km
Oktober 89. Tag: Altenbüren 0 km
Oktober 90. Tag: Altenbüren – München 8 km
Oktober 91. Tag: München 10 km
Oktober 92. Tag: München – Altenbüren 0 km
Oktober 93. Tag: Daheim 0 km
Oktober 94. Tag: Daheim 0 km
Oktober 95. Tag: Daheim 0 km
Oktober 96. Tag: Daheim 0 km
Oktober 97. Tag: Daheim 0 km
Oktober 98. Tag: Daheim (Sa. 13.10.) 0 km
Oktober 99. Tag: Fahrt nach Stuttgart (Enkelkinder!) 0 km
Oktober 100. Tag: Stuttgart 0 km
Oktober 101. Tag: Stuttgart (16.10) 0 km
Oktober 102. Tag: Stuttgart- Polen, Ende der Ferien! 0 km
Oktober 103. Tag:Gleiwitz (Lobowice, Ratibor) 8 km
Oktober 104. Tag:Gleiwitz 5 km
Oktober 105. Tag: Gleiwitz – Czestochowa 8 km
Oktober 106. Tag: Czestochowa – Przystain 36 km
Oktober 107. Tag: Przystain -Olesno (Rosenberg O/S) 29 km
Oktober 108. Tag: Olesno (Rosenberg) -Laskowice 31 km
Oktober 109. Tag: Laskowice (Kiefernwalde)-Kreuzburg 8 km
Oktober 110. Tag: Laskowice – Mondary (Breslau, Bahn) 36 km
Oktober 111. Tag: Bahnfahrt Breslau-Grotniki (Hochzeit) 8 km
Oktober 112. Tag: Hochzeit Kinga und Andrew (PL +Austral.) 0 km
Oktober 113. Tag: Rueckf. n. Mondary=Biwak vor Bierutow 21km
Oktober 114. Tag: Wald vor Bierutow -Olesnica (Oelsein) 22 km
Oktober 115. Tag: Oelsein – Wroclaw (Breslau) 37 km
Oktober 116. Tag: Wroclaw (Breslau) -Brzezina – Jakubow 36 km

Immer wieder herrliche Wege. Man kann süchtig werden!
86. Tag
Montag, 1.10.2007, 15 km
München, wiesenfreier Tag, Bummel in München, Olympiapark
Bummel durch die Stadt ist angesagt. Bei Beck am Rathauseck erstehe ich in geistiger Umnachtung einen Reißverschluss für meine Jacke… 14 , den bringe ich wieder zurück und kaufe mir eine neue Jacke! Um 14 Uhr bin ich mit Willi am Olympiaturm verabredet und wir verleben einen gemütlichen Nachmittag auf der Alm. Willis Schlacht- und Wurstkünste muss ich mir in Bodenwerder einmal vorführen lassen. -Wenn ich den Teich am Turm sehe, muss ich immer an den kleinen Jungen denken, der dort ins Eis einbrach und im brusttiefen Wasser ertrinken musste, weil die gaffende Menge ja die Feuerwehr gerufen hatte…Institutionalisierte Hilfsbereitschaft. Alles fährt vorbei, die gelben Engel kommen schon, denn alle anderen sind Bösewichte. Solche Sprüche werden von bestimmter Seite gefördert. Eine besondere Form von caritativer Monopolpolitik.
Als sich mein Freund Wolfgang Spiller nachts am Grand Canyon den Fuß brach und fror, wurde ich unter Androhung von Haft vom Ranger daran gehindert ihm eine Decke unterzulegen. Sind Sie Arzt? Aber die erste Frage des Krankenwagenfahrers an den Verletzten war: Have you a Creditcard? Wie weit sind wir davon entfernt? Vielleicht schon mitten drin!
Morgen geht es mit Willi, der heim nach Bodenwerder fährt, in mein Haus nach Altenbüren. Da wartet Arbeit auf mich!!! Als ich nach Pullach fahren will, ist die S7 gesperrt. Heimeranplatz ist zu! Was tun? Die Wiesnmassen stauen sich schon. Finde das Schlupfloch: Zurück zum Marienplatz und mit der S6 zum Harras und von dort weiter nach Pullach. Wecken ist um 5.30h.
87. Tag
Dienstag, 2.10.2007, 8 km
München – Altenbüren (im Auto mit Willi T.)
Um 7 Uhr werfe ich Willi und Fred aus der Molle, hole Semmeln und wir frühstücken. Gegen 15 Uhr sind wir schon in Altenbüren und ich lade Willi in das Restaurant Kievel zum Pfeffersteak ein. Vorher waren wir noch bei der Druckerei Boxberger in Marsberg, die mir 400 neue Karten drucken wollen. Ist das ein großartiger Laden! Hier verbindet man Tradition und Zweckmässigkeit miteinander. Auf dem Abstellgleis , aber immer noch in Schuss, eine alte Heidelbergmaschine. Damit haben wir Deutschen die Welt bepflastert! Beherrschend in der Druckerei ist ein riesiges Gemälde an der Wand, das ich Euch demnächst hier zeigen werde. Allseitiges Erstaunen bei Ute, Ansgar und Stefanie (die meine Karte in den aktuellen CDU-Farben gestaltet hat, wie meine Tochter Claudia bemerkte…? mit dieser Farbgestaltung habe ich nichts mit am Hut!), dass ich nicht mehr in Polen herumlaufe. Zehntausende schauen sich inzwischen schon meine Seite angesehen. Das macht auch stolz.
88. Tag
Mittwoch, 3.10.2007, 0 km
Altenbüren
Tag der Deutschen Einheit! Hätte ich bald vergessen. Frühstücke bei Marcel, da mein Kühlschrank leer ist. Jule kommt in die 2. Klasse und muss nun schreiben wie richtig geschrieben wird, nicht Mutta, sondern Mutter…Am Nachmittag spielt mein Verein, in dem ich einige Jahre Vorsitzender war, TUS Elmerborg Altenbüren 1923, A-Liga, ein Pokalspiel gegen Rot-Weiss Erlinghausen, die drei Spielklassen höher spielen. Nur 0:3 verloren. Der Cup war von einer der größten Brauereien Deutschlands gestiftet…der Pokal für den 3.und 4. Sieger musste für den 1. und 2. erst einmal gespült werden. Und 100 l Bier bekam die Siegermannschaft, die strikt soetwas nicht trinkt. Da werden bei den Brauereien zig Prozente für Werbung hinausgehauen und da zeigt man sich kniepig und hängt noch Fahnen mit Stockflecken auf…! Seit 15 Jahren beliefert unseren Verein die Veltins-Brauerei. Da hätte es so etwas nie gegeben.- Es muss einfach einmal gesagt werden: Wären die lebendigen Vereine nicht in unseren Dörfern, getragen von ihren vielen ehrenamtlichen Helfern, wären diese Dörfer weitgehend tot, nur Wohnflecken. Das 1500-Seelen-Dorf Altenbüren hat einen Schützenverein, Sportverein, eine ausgezeichnete Freiwillige Feuerwehr, eine 40-Mann/Frau-Blaskapelle, Gesangverein, Frauen-, Alten-, Heimat -… bestimmt hab ich noch einen vergessen.
Ich bin jetzt auf Schlesien gespannt, wo ja vor dem Kriege eine blühende Vereinslandschaft bestand. Wo grosse Dichter , Musiker herstammen. Neben den Schwaben das fleißigste Volksliedland! Wem Gott will rechte Gunst erweisen…Oh Täler weit oh Höhen. Ob in Kreuzburg eine Tafel an Gustav Freytags Haus angebracht ist? Jedenfalls das Eichendorff-Denkmal in Ratibor hat nicht die Inschrift „Eichdorfu“ sondern Josef Freiherr von Eichendorff, und auf den Grabplatten in Neisse, liegen immer frische Blumen. Sie sind nicht zerstört. Haben die Polen in Schlesien etwas Adäquates aufbauen können? Ich bin gespannt.
89. Tag
Donnerstag, 4.10.2007, 0 km
Altenbüren
Früh ins Krankenhaus, um mich durchchecken zu lassen. Ich spürte in letzter Zeit gelegentlich einen Schmerz im linken Schulterbereich, was man ja nicht unterschätzen sollte. Das Belastungs-EKG ist aber in Ordnung. Bei 100 Watt wurde abgebrochen. Laufen sie weiter, so Dr. Krahn, morgen früh gibts die Blutwerte. Da ich mit dem Laufen und dem Atmen nie Probleme hatte, dachte ich mir schon, dass es sicher eine muskuläre Angelegenheit sei, die vom Tragegurt des Rucksacks herrührt. Jakobus sei Dank. Ultreia!!
Morgen nimmt mich Ralf Hinterläutner, von uns auch “ Ralf Vorderglöckner“ genannt… wieder nach München zurück. Die Winterausrüstung ist im Sack!! Noch einmal: oans – zwoa – drei …!
90. Tag
Freitag, 5.10.2007, 8 km
Fahrt von Brilon nach München
Den Brilonern habe ich versprochen für Sie an diesem Wochenende mit der Unterkunft in München bereitzustehen. So ganz ungern fahre ich nie in diese Stadt, aber nun wird es mir doch ein wenig zu viel mit der Wiesn. Aber was tut man nicht alles, wenn man gebeten wird!
Ralf holt mich um 5.15 Uhr ab, was 4.30 Uhr Wecken heißt. In Bad Wünnenberg wird Andrea abgeholt und wir sind kurz vor 10h in München. Kurz vor der Ausfahrt Oberhaching gibt es dann doch noch einen Stau, den wir aber geschickt umfahren. Andrea musste mal…
Mich wundert es schon sehr, dass alle nicht sofort auf die Wiesn wollen und einen Spaziergang in München vorziehen, was mir sehr entgegenkommt. Wir landen aber im Hofbräuhaus, wo wir in eine Familie Amerikaner geraten. Eine tolle Stimmung kommt auf und wir stellen fest, dass wir kaum etwas bezahlen müssen. Lauscheppen liegt uns wirklich fern – aber es was alles schon beglichen. Es kann über das Hofbräuhaus gesagt werden was man will, das Essen ist gleichbleibend gut, die Musik zünftig und man findet immer schnell Anschluss und nette Leute dort. Macht es die Luft, die Musik oder einfach die Vorgabe, dass es hier lustig sein muss?
Bernd Wittkopp, immer gut für originelle Einfälle, ordert am Marienplatz ein „Sternfahrrad“. So etwas habe ich vorher noch nie gesehen! 7 Leute sitzen mit dem Fahrer sternförmig auf einer Art Fahrrad, breit wie ein Auto, alle müssen trampeln und der Fahrer hat ein Lenkrad. Ich sitze mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung und man hat in dieser trampelnden Runde das Gefühl Galeerensträfling zu sein! Der junge Busche, der das Gefährt lenkt, macht es großartig, wir treten richtig in die Pedalen, damit wir kein Verkehrshindernis und so schnell wie die Autos sind. Die Polizei, die lange hinter uns herfährt, filmt dem Vorgang. Der Betreiber dieser Attraktion muss natürlich immer „volles Rad“ haben, sonst wird es für den Einzelnen Schwerstarbeit und das Gefährt wird zum Verkehrshindernis. Zum Glück hat er aber auch eine Fangemeinde, die sich schon einmal zum Trampeln auf die Radspinne bitten lässt. (Foto wird nachgereicht!) An der Wiesn angelangt, ist der Alkohol vom Hofbräuhaus verdunstet… Bummel. Es ist schon 21 Uhr. Ralf und Andrea sind so müde, dass es nicht einmal mehr zu einem Absacker im Rabenwirt reicht.
Zum Trampeln verdammt! So schnell wie die Autos. Ehrensache. Wittkopp’s Schnapsidee nach Hofbräu-
hausaufenthalt. Hier, Ankunft auf der Theresienwiese. Alkohol verdunstet.
91. Tag
Samstag, 6.10.2007, 10 km
Ochsenbraterei, Bummel,
Bernd, Karin, Andreas alle mit Familiennamen W., dazu Gaby II halten uns Pullachern drei Plätze frei…Ihre Kommentare dazu ähneln meinen vor einer Woche (s.d.), denn Ralf und Andrea hatten beschlossen länger zu schlafen…doch gegen 10 Uhr sind wir da und der Kampf hat ein Ende. Ein gemütlicher Wiesentag schließt sich an und auch Bernd ergründet die Geheimnisse um Reservierungsgelder, Boxenkosten, Bedienungsbestechung und mit welchen Tricks man in ein geschlossenes Bierzelt kommt. Banker interessieren sich halt immer für verworrene Wege, die zum Erfolg führen und für Außenstehende nicht ganz durchsichtig sind…weshalb ich es mir hier auch verkneife, diese Wege anzugeben.
Wir haben nette Leute am Tisch; drei hübsche Kurzüberdreißigerinnen aus Sachsen in netten Dirndeln, die dann spät auch ihre Männlein finden. Leider sind es vier und Andreas W. betrachtet interessiert den Verteilungskampf. Hat er doch auf ähnliche Art und Weise vor Jahren seine Gaby II erobern müssen. Das war 2004 und sie sind noch mit Fotos in meinem Marsch vom Nordkap verewigt. Die Wiesn kann auch dauerhafte Bande knüpfen!
Bernd und Karin, die mit mir schon bald 20 Jahre mit nach München fahren, haben auch ihr traditionelles Wiesenreglement: Brezel, Mandeln, Bierzelt, Teufelsrad, Aufblick zur Bavaria (für die Treppenstufen reicht es meist nicht mehr!), Schichtl, Käfer von außen (ob nicht ein Großkopferter aus dem Heuboden auf das gemeineVolk herunterschaut …), Vogeljakob, Fischsemmel und …Klamotten kaufen…- nichts für ihn. Dieses Jahr ist etwas Ledernes in Karins Tüte. Bei den Schickimickiboxen und
-emporen, habe ich immer die Assoziation vom Osterspaziergang im Faust, wie Faust und Wagner dem feiernden Volke zuschauen. Wie langweilig haben sie es selbst und wie lustig ist das Volk… ohne das sie gar nicht da säßen. Man schaue sich nur mal die Gesichter in den Boxen an! „Was machen wir nur mit den restlichen Gutscheinen? Da hätten wir noch das Hendl! Wer will es haben?“ Nicht mal beim Prosit bekommen alle die Krüge hoch. Und die Neulinge aus der Firma, meist toll herausgeputzt, wirken teilweise verstört ob dieses Treibens. Man stelle sich nur einmal die Boxen alleine vor!- Ein Kenner taxiert meine Lederhose und meint sie müsse von meinem Urgroßvater stammen. Ich sage ihm nicht, dass man mit einer neuen nur vom Nordkap nach Sizilien und von St. Petersburg nach Polen laufen müsse, damit sie so aussähe.- Morgen ist Heimfahrt nach Brilon. Ich habe wegen der vielen aufzuarbeitenden Dinge meine Rückfahrt nach Polen aufschieben müssen. Besonders ärgert mich mein Landesamt mit Einspruchsfristen. Das scheint Methode und Sport bei den Sesselfu…. zu werden. Rentner kann man so mit Schriftkram und Fristen bombardieren, dass man da richtig Gewinne in die Landeskasse NRW buchten kann. Punktsammeln für die nächste Beförderung! Auch mit Leuten die nicht so lange fort waren wie ich, kann man dieses Spielchen betreiben. Gar nicht auszudenken, wenn die Betroffenen geistig unbeweglicher werden, oder gar Pflegefälle sind!!! Das ist eine Form von elegantem Betrug.(Gerade höre ich von einem aus der Verwaltung, dass dieses Spielchen uralt ist.)
92. Tag
Sonntag, 7.10.2007, 0 km
Heimfahrt nach Brilon: München-Fürth-Neustadt-
Dachsbach-Schweinfurt-Bad Wildungen Brilon
Abfahrt ist gegen 12.30 Uhr und wir geraten prompt in zwei Dauerstaupunkte: München-Ost und München Nord. Von der Holledau hören wir erst später. Ich muss wohl im Fond laut geschnarcht haben, dass ich Ralf nicht Erding, Freising sagen konnte, um dann in Allershausen wieder auf die A9 zu fahren. Dabei wollteRalf doch mit seinem tollen Nochschrauber-BMW richtig Gas geben! Mit unserem Karpfenessen im Aischgrund wird wohl nichts werden. Wir werden erst gegen 16 Uhr dort sein und da sind die Küchen meist zu. Doch wir haben Glück! Wer in Dachsbach bei Neustadt den „Brandenburger Adler“, und deren betagte Küchenfee „Betti“ kennt, der weiß, dass sie flexibel ist und er kann dort einen der besten gebackenen Karpfen im ganzen Frankenland essen. Es war so. „Könnt ihr noch haben!“Wenn ein grosser Karpfen dann 8,5 mit Beilage kostet, hofft man im Stillen, dass sich die fränkische Wirthauskultur noch lange so halten möchte. Mit Mark gleich Euro hat sich die Gastronomie ihr grösstes Eigentor geschossen. Die Rechnung ging nicht auf: Verdoppelst du die Preise, mußt du halb so wenig arbeiten und verdienst genau so viel. So hat man die Gäste aus den Wirtschaften gejagt!; im Verein mit den Brauereien, die die Flaschenbierpreise billiger als die Fassbierpreise anbieten und so den Wirten „eine reinwürgen“und das Saufen im Stillen fördern. Die Franken haben es nicht ganz so doll getrieben, weshalb wir auch um diese Zeit noch einfache Leute in der Wirtschaft finden, die ihren Schoppen trinken. Viele europäische Länder hatten damals bei der Euroumstellung einen Preisstopp ausgerufen; wir Deutsche konnten das wohl nicht, weil die grössten Preistreiber die Regierung selbst und die Städte und Gemeinden sein wollten. So hätte man sich ja selber die Kandarre angelegt! Vor lauter Abgaben fragt man sich manchmal wirklich, warum man überhaupt noch Steuern zahlen muss! Da sind wir wieder bei einer der vornehmsten Aufgabe der Regierenden, der „Zuteilenden Gerechtigkeit“(iustitia distributiva, so mein Philosophieprofessor Josef Pieper in Münster!), die heutzutage oft auf der Strecke bleibt. Dafür hat man die „Abzockende Gerechtigkeit“ installiert; möglichst viel kurz nach den Wahlen abzocken, Spendierhose an für potentielle Wählergruppen vor den Wahlen. Es geht schon langsam damit los! –
Da Erlangen und Biebelried stundenlang „zu“ sind, kommt uns die Abkürzung über Neustadt ganz gelegen und nach dem Karpfenessen nehmen wir die Schnellstrasse über Gerolzhofen, um hinter Schweinfurt dann auf die Kasseler Autobahn zu fahren. Es lief wunderbar ohne einen Stau. Die armen Unflexiblen an diesem Tag! Sie sassen stundenlang fest. Diese Massen konnten doch nicht alle vom Oktoberfest kommen…! Oder doch?
93. Tag
Montag, 8.10.2007, 0 km
Altenbüren
Was alles so liegenbleibt, wenn man 3 Monate nicht zuhause war! Vom Staub ist gar nicht zu sprechen, da muss es eine Generalreinigung geben. – Weshalb ich nicht direkt von München nach Polen fuhr?
1. Bin ich mit dem ganzen Schriftkram doch nicht fertig geworden.
2. Ich habe leichte Zahnschmerzen und da ich einen Zahnarzt kenne, der keine Turbobohrer hat, Wurzelbehandlungen selbstverständlich macht und mir alle meine Zähne bisher erhalten hat, werde ich zurück nach Brilon fahren. Siegfried K. holt mir auch von meiner Beihilfestelle Geld zurück, die aus einem dreiwurzeligen Zahn einfach einen zweiwurzeligen machte. Mit diesem Geld kann ich in Polen schon wieder eine Woche leben.
94. Tag
Dienstag, 9.10.2007, 0 km
Altenbüren
Arbeit
95. Tag
Mittwoch, 10.10.2007, 0 km
Altenbüren
ALS MUTTI DIE BUDE LEERZOG.
KATASTROPHENBERICHTE EINES „HEIMATURLAUBERS“
Mir geht es nicht anders als vielen anderen Mitbürgern: Kehrt man nach langer Zeit heim, stellt man Fragen. Was ist passiert? Erst kommen die Toten, dann die Katastrophen: In meinem nächsten Bekanntenkreis sind viermal die F r a u e n „ausgezogen“. Mit kleinen und kleinsten Kindern! Ich liste auf: 3,6,4,6,7,9,5,7,9,10,12 Jahre alt. Alles von Männern, die – wie ich ziemlich sicher zu sagen wage (ja, ja da steckt man nie ganz dahinter…) – treusorgende und fleissig schaffende Ehemänner waren. Einfach ausziehen, wenn er mal Überstunden für den Familienluxus macht. Bei dieser geballten Sch…. ist ein empirisches Urteil erlaubt. „Verallgemeinern Sie nicht!“ Doch! Was hier an Leid in die Welt gesetzt wird, ist so ungeheuer, dass man dazwischen gehen möchte. Denn, wenn die Schmetterlinge im Bauch verschwunden sind, geht es mit den Problemen doch erst richtig los! Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Da braucht man doch nur einen alten Fuhrmann zu fragen! Also hat das Ganze ja auch etwas mit Dummheit und Klugheit zu tun, wenn man nach jedem Streit mit Sack und Pack das Weite sucht oder bleibt.
Ich erinnere mich noch an ein Interview vor ca. 25 Jahren: Ein Ehepaar wurde auf der Diamantenen Hochzeit befragt. „Haben sie denn niemals an Scheidung gedacht?“ Der Ehemann darauf: „An Scheidung??!! An Mord!“ Und alles lachte. Und es renkte sich immer wieder ein und die beiden feierten glücklich ihre Diamantene Hochzeit.
Zwei Beispiele aus der oben genannten Szenerie:
Ausgezogene Mutti Nr.1:
Tagesablauf:
1. In ihrer überschnell gemieteten neuen Unterkunft, 6 km von dem bisherigen Eigentum entfernt, weckt sie ihre beiden Kinder.
2. Sie fährt die beiden Kinder in die bisherige Grundschule.
3. Sie geht einer Arbeit nach.
4. Die Kinder gehen zu Oma und Opa zum Mittagessen.
5. Irgendwann werden sie dann vom Abstellgleis mit flexiblen Zeiten abgeholt. Und, wenn demnächst der neue Kerl auftaucht, auch dagelassen!
Ausgezogene Mutti Nr. 2:
Sie schickt ihren Mann wegen Unpässlichkeit mit einem der beiden Kinder allein in den bereits gebuchten Urlaub; als er zurückkommt, ist die Bude leer und sie 180 km weiter mit einem Macker in einer Großstadt am Rhein. Wenn die Schmetterlinge …
Kinder, was muss das ein Leben mit selbstverwirklichenden Müttern werden! Und für den Staat – das sind wir – wird das teuer, teuer, teuer, teuer.
Wenn man inzwischen versucht die Hölle abzuschaffen, gibt es doch auch so etwas wie Verantwortung für das was man in die Welt gesetzt hat. Dazu gehören die Kinder und dazu gehört auch das Partnerverhältnis! Ich empfehle Kapitel XXI , Der kleine Prinz, Exypery: „Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“, sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast…“.Welche Wahrheiten haben wir eigentlich noch vergessen oder dürfen sie wegen der Political Correctness nicht sagen?
Mein Bruder und ich, wir hatten ab 1947 eine glückliche Kindheit. Meine Mutter war immer für uns da. Sie war nur Hausfrau, hatte ihren Schneiderberuf an den
Nagel gehängt. Ach, was war sie unterdrückt! Sie stand früh auf, machte Feuer, wir frühstückten gemeinsam und wenn ich aus der Schule kam, war das Essen fertig. Ach, was war sie unterdrückt! Einmal in der Woche war Waschtag. Mutter stand schon um 5 h auf. Das ging den ganzen Tag über! Wir mussten helfen. Auswringen, Klammern anreichen, Betttücher glatt ziehen. Ach, was war Mutter unterdrückt! Als ich meine Maschinenschlosserlehre absolvierte, stand sie um 4.45 h auf, denn in der August -Thyssen-Hütte in Duisburg wurde um 6 h gestempelt! Ach, was war sie unterdrückt! Erst als Student musste ich mir manchmal das Frühstück alleine machen. Ach, was hatte sie ein Leben voller Unterdrückung hinter sich! Es gab auch schon einmal Krach mit Vater, doch die Wogen glätteten sich sehr schnell. Sie hatte nicht die Chance wegen jedem Pieps auszuziehen und dem Vater die Kinder und den Kindern die Kindheit zu nehmen! Ach, was war sie unterdrückt! Lustig war es bei uns zu Hause und kein Fest wurde ausgelassen.
(Wenn ich die Rolle der Väter vergessen habe, liegt das an den massiven empirischen Erfahrungen der letzten Tage und Jahre.)
Um 1900, in einer Zeit als Deutschland vor Wohlstand strotzte, schrieb Wilhelm Busch:
Wer Bildung und Moral besitzt,
Der wird bemerken, dass anitzt,
Fast nirgend mehr zu finden sei,
Die sogenannte Lieb und Treu.
Wir haben die Jahrhundertwende 2000 gerade hinter uns. Geschichte soll sich wiederholen. Hoffentlich nicht im 100-Jahr-Rhythmus.
(Und nach all meinen miesen Erfahrungen der letzten Tage, wirft zum Überfluss auch Kerner noch die Hermann aus der Talkshow, damit er mit den restlich verbliebenen Typen das politisch korrekte Süppchen weiter kochen kann. Da das ganze ja eine Aufzeichnung war, wird man das Gefühl einer Inszenierung nicht los. Da schau ich mir doch lieber die Schmierenkomödie beim Schichtl – siehe Oktoberfest! – an.)
In der Sache hat Frau Hermann recht, wenn auch die Zielrichtungen anders waren: Autobahnen für die Truppenverschiebung und Kinder für die Gefallenen des Krieges.-Wenn aber die 68er die Kindern in Lesebüchern lehrten: „Wenn Eltern um die Ecke glotzen, sollst du sie in die Fresse rotzen!“, welche Werte haben dann diese Kinder ihren Kindern mitgegeben? In Estland sagte mir ein Mann: Deutschland sei „reif für den Abschuss“. Er verglich uns mit Rom. Protest! Diese Linie hat noch nicht gesiegt, wenn sie auch an vielen Dingen die Schuld trägt. Die meisten Familien stimmen noch.
PS: Das alles kann ich nur schreiben, weil mir die frische Luft, auf nun bald 12000 km, das Hirn freigeblasen hat und ich viele Dinge klarer sehe, und – weil ich keinen Sponsor mit im Boot habe, dessen P.C. ich singen muss und weil ich z. B. keine mühsam aufgepäppelte Wählerklientel vor der nächsten Wahl vor den Kopf stossen kann. Wie schreibt doch W.Busch so schön?: „Denn, was man sicher weiss zu glauben, darf sich ein jeder wohl erlauben…!“ Und Karl Jaspers bezeichnete einen Menschen als eine Persönlichkeit, wenn er folgenden Dreischritt vollziehen kann: BESINNEN – NACHDENKEN -URTEILEN (und danach natürlich richtig handeln!).Es gibt immer weniger Persönlichkeiten und ich werde den Eindruck nicht los, dass häufig in unserem Denken die beiden ersten Schritte gar nicht mehr gegangen werden (können?). Handlungen (Gesetze?) werden vornehmlich nach folgenden Kriterien gemacht: Was hält mich bis zur nächsten Wahl über Wasser? Mit welcher durchs Dorf getriebenen Sau kann ich dem Bürger diesmal das Geld aus der Tasche ziehen? Welche Gruppen können wir mit diesem Unsinn noch auf unsere Seite ziehen? Wie anders wäre der völlig unsinnige, von zig Politikern gebrauchte Satz erklärbar: „Das macht Sinn!“. Wenn ich so etwas apostrophiert sagen muss, was für einen Haufen Unsinn muss da produziert werden!!! Ich mache doch in diesen Positionen nichts Sinnloses! Dann muss ich also auch nicht extra sagen, dass etwas Sinn mache….!–
PS:EIN BISHER ANONYM GEBLIEBENER “ KLAUS “ HAT MIR AUFGRUND DIESES TEXTES IM GÄSTEBUCH DIE LESEFREUNDSCHAFT GEKÜNDIGT. WENN ICH ZU HAUSE BIN, SUCHE ICH EINIGE PRODUKTE DER 68er HERAUS UND BRINGE SIE DANN AN DIESER STELLE.
Am 23.12. erhielt ich folgende Information eines (nicht anonymen) Lesers: Er schreibt gerade an einem Buch :
ALS MUTTI DIE BUDE LEERZOG – DIE NEUE FORM DER PEST
Der Verfasser gehört offensichtlich zu den wenigen Männern, die den Wahnsinn mit unseren Gerichten um Unterhalt, Besuchszeiten des Kindes, Sorgerecht etc. etc. schon über fünf Jahre durchhalten. Andere hätten schon längst aufgegeben, zur Flasche gegriffen, oder …. Da steckt ein System dahinter!! Ich habe ihn gebeten, ja nicht zu vergessen alle Schriftstücke aufzulisten, die in dieser Zeit von steuerbezahlten Gerichten, sich selbst erhaltenden Rechtsanwälten und einer offensichtlich narzissmusbeherrschten Mutter in die Welt gesetzt worden sind und noch werden.
Der Titel, „Als Mutti die Bude leerzog“, klingt nach Kohlenpott. Stimmt! Ich weiss sicher zu sagen, dass viele, viele, viele Väter auf dieses Buch gewartet haben. Vor allem die Regierung sollte es lesen, damit man sie demnächst nicht der Familienvernichtungspolitik bezichtigt; es ist fünf Minuten vor Zwölf! Schön, dass hier auf meiner Seite drei Tage später (98.Tag) die Hochzeit von Annika und Dirk folgt. Ein nettes Pärchen. Katholisch. Nach der momentanen Orientierungs- und Steuerlosigkeit kann es gar nicht genug katholisch zugehen! Wenn auch eine bestimmte Clique in Deutschland scheinbar unbeirrt die Quadratur des Familienkreises versucht. Sans soussi! Denn „…und ewig blühen die Linden!“( Ingborg Bachmann).
Noch einmal: Frische Luft würde unserem Denken ungemein gut tun; man sieht viele Dinge klarer – und den psychosomatischen Wechselwirkungen auf unsere Leib-Seele-Geist-Einheit wird noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Dann geht es nämlich bei dem ganzen Scheidungstheater nicht nur um die „Waffen des Mannes“ sondern auch um die viel gefährlicheren „Waffen der Frau“, die da heissen: psychischer Druck mit den Folgen körperlicher Schädigung des Mannes. Was parallel an den Kindern angerichtet wird, interessiert offensichtlich wenig. Neue Mütter braucht das Land!
96. Tag
Donnerstag, 11.10.2007, 0km
Altenbüren
Zivilisationsbedingten Schriftkram erledigt. Ein besonderes Augenmerk habe ich darauf richten müssen, wo man mich wieder über den Tisch ziehen will. Mein liebes uraltes Wohnmobil wird abgemeldet. Als ich 4 Jahre meine Mutter pflegte, hatte ich es angeschafft, damit wir beide beweglicher waren. Die drastische Erhöhung Steuern führt zur Abmeldung. Hoffentlich machen das viele Besitzer ihrer sauer verdienten mobilen Altersheime. Daraufhin Fotos der Reise gesichtet und Dominik zum Scannen übergeben. Demnächst gibt es also viele neue Bilder in der Homepage! Von Juli an.
97. Tag
Freitag, 12.10.2007, 0 km
Altenbüren
Im Berufskolleg ist „Tag der offenen Tür“. Die Rentner sind zum Kaffee eingeladen. Herzliches Wiedersehen. Die Küche hat ein tolles Buffet gezaubert und wir spenden ordentlich in die Kaffeekasse. Als ich die Schule 1999 verließ, hat sich manches verändert: die Schüler sind noch stärker parfümiert, die Kollegen können noch weniger von ihnen verlangen, das Berufsgrundschuljahr ist stärker geworden, technische Fächer gehen zurück, der soziale Bereich wächst, das Sportabitur ist der Renner. Passt alles!-
Abends lange bei Kievel. Versackt bis in den frühen Morgen.
98. Tag
Samstag, 13.10. 2007, 0 km
Altenbüren
„Gebirge“ heiratet Annika. Domi und Claudi sind schon seit Tagen mit den „Nachtrauungsassessoires“ beschäftigt. Was muss das Brautpaar nicht alles bewältigen, um aus der Kirche ins Auto zu kommen! Drehen, Klopfen, Schneiden, Rätseln und am Ende springt auch noch der Macke aus dem Karton. Aaaaals Moooooooo!rhuhn.
Iiiieeehhhh – was ist denn da im Karton?! denken sich Annika und „Gebirge“, alias Dirk Mester.
Aahhh – der Macke im Moorhuhnkostüm
Morgen will ich nach Stuttgart zur Tochter Claudia und Aaron, David und Julius. Aus Versehen komme ich im Netz an Mitfahrgelegenheiten.de,
nachdem ich mir schon einen Weg mit dem Wochendticket ausgedruckt hatte. Für 25 Euro will mich Merlin nach Stuttgart mitnehmen. Packen für Polen.
99. Tag
Sonntag, 14.10.2007, 0 km
Autofahrt Brilon – Stuttgart
Drei Studenten sitzen im Auto und ich alter Knacker. Meine neue Gitarre und mein Pilgerstock sind etwas sperrig, aber es klappt schon. Es wird eine nette zügige Fahrt und da Kaltental Richtung Uni liegt, setzt mich Merlin auch gleich vor Claudias Haustüre ab.
100. Tag
Montag, 15.10.2007, 0 km
Stuttgart- Kaltental
Nun beginnt das Opaspiel: Julius bewachen, David in den Kindergarten bringen und abholen, Aaron zur Schule bringen und abholen. Drei Jungen 2-4-6 Jahre. Eine Rasselbande! Der Jüngste wird von den älteren liebevoll mitgetragen. Wenn meine Oma mit 9 Kindern klar kam und uralt wurde, ist hier die Lösung an Mütter mit nur einem Souvenirkind: Das soziale Verhalten ist bei mehreren Kindern viel viel viel besser entwickelt als bei nervenden Einzelkindern. Claudia ist wieder im Beruf und hat das Umfeld „geregelt“.
Julius, meinem jüngsten Enkelkind, das Betthupferl auf der neuen Rucksack-Gitarre vorgespielt: Der Mond ist
aufgegangen – Matthias Claudius. Das höre er besonders gerne, sagt Claudia. Ist auch ganz still dabei!
101. Tag
Dienstag, 16.10.2007, 0 km
Stuttgart-Kaltental
Heute wird ein größeres Projekt in Angriff genommen: Bau eines hölzernen „Indianerwigwams“ im Garten. Alle helfen mit – auch das Nachbarskind. Als das Zelt am Abend fertig ist, wird darin ein Feuer entzündet und alle erscheinen zu meinem Erstaunen in Indianerkostuemen – auch Lara als Squaw . Aaron sinniert noch im Einschlafen von dem Bautag.
Bei 2 Flaschen Wein werden mit Claudia Erinnerungen ausgetauscht, was in unserer Familie früher alles angestellt worden war. Ich hatte mit dem Wigwambauen begonnen, nun haben Marcel und Claudia eines. Nachahmen ist eine nachhaltige pädagogische Handlung: Dicke Eltern-dicke Kinder, lügnerische Eltern-lügnerische Kinder, faule Eltern-faule Kinder, wertelose Eltern-wertelose Kinder…
Morgen geht es nach Polen! On the road again!
102. Tag
Mittwoch, 17.10.2007, 0km
Stuttgart Gleiwitz (Gliwice)
Vor einigen Tagen hatte ich online schon die Fahrkarte bestellt und ausgedruckt. Eurolines. 45 Euro. Mit diesem Blatt fahre ich zum Busbahnhof in Stuttgart. Die paar Haltestellen kosten 2,30 Euro. 4 Mark sechzig. Das kann doch nicht wahr sein! Aehnliches System wie in München. Wirrwarr, zig Kartensorten. Ich frage einfach zwei ältere Leute, ehe ich mich ans Durchlesen mache. Die Tram wäre dann weg. Am Gotowalaschalter werfe ich mit meinem Rucksack beim Rueckwaertsgehen zwei Werbetafeln um, die genau, wirklich genau vor dem Eingang platziert waren, damit immer nur einer in den Container eintreten kann. Obwohl nichts kaputt ging, kommt von dem Typen am Schalter ein Geschrei und eine Schimpfkanonade mit polnischem Akzent, wie ich nie meine Schüler angeschnautzt hätte. Das wäre schon öfter passiert, sagt der Mensch. Ich daraufhin: Dann stehen die Schilder da bestimmt falsch… Wieder Geschrei. Laecheln entwaffnet. Ich hebe die Schilder auf. Würden Sie dort jemals eine Fahrkarte kaufen?
Der Bus ist pünktlich und ich bekomme den Platz 33. Hinten. Alles ist streng getrennt nach Männlein und Weiblein, welche vorne sitzen dürfen. Der Bus ist weitgehend leer, denn es ist Mittwoch und kein arbeitender Pole fährt heim. Montag und Mittwoch gibt es deswegen Sonderpreise. Mit noch zwei Maennern teile ich mir dreiviertel des Busses. Vorne sitzen 8 Frauen. Was denken die sich eigentlich was in einem Bus alles passieren kann? Ich bin der einzige Deutsche. Der spaeter halbbesetzte Bus ist 90 Minuten früher in Gleiwitz. In der Hetze vergesse ich meine Armbanduhr, die an den Vordersitz gehängt habe. Schicke Domi eine SMS, er soll mal mit Touring telefonieren.Richard oeffnet nicht. Bei Michael kann ich schon schellen, Studentenhaushalt.
Mit Eva, Woitek und Michael beim grossen Essen. Auch in Polen liebt man das Essen sandgestrahlten in Ruinen…
Das Bier ist ausgezeichnet in Polen. Bei gestellten Aufnahmen achte ich immer auf den Winkel!
103. Tag
Donnerstag, 18.10.2007, Gleiwitz -Eichendorff ’s Geburtsort Lobowice – Ratibor, 8km
Richard – meine Cousine Erika ist zur Zeit in Deutschland – ist krank und ich übernachte bei Familie Johan nebenan. Michael war ja schon häufig bei mir in Brilon und bei Claudia in Stuttgart. Es ist eine großartige Familie. Österreichischen Ursprungs. Großeltern väterlicherseits waren in Lemberg für die Donaumonarchie tätig gewesen, und wurden dann nach dem Krieg nach Gleiwitz verfrachtet. Auffuellung fuer die vertriebenen Schlesier. Auf engstem Raum , 63 Quadratmeter, leben hier 4 erwachsene Personen, sind gottesfürchtig… sind glücklich, es ist blitzsauber, beide erwachsenen Söhne studieren mit großem Erfolg in technischen Disziplinen, ( das Polytechnikum Gleiwitz hatte schon zu deutschen Zeiten einen guten Ruf, ähnlich dem in Duisburg!), Mutter hat was gegen die langen Haare des älteren, aber was soll’s.
JOSEF FREIHERR VON EICHENDORFF – BESUCH IN SEINEM GEBURTSORT LOBOWICE (LOBOWITZ)
Michael kommt von der Uni um 16 Uhr zurück und ich habe ihn gebeten, mich zum Geburtsschloss von Josef Freiherr von Eichendorff in Lobowice zu fahren, das gegen Ratibor ca. 25 km von Gleiwitz entfernt liegt. Michaels Mutter sorgt sich rührend um mich, jeden Wunsch liest sie mir von den Augen ab. Als ich nachdenke, dass ich eigentlich meine „Flagge“ ändern müsse, an der die Fähnchen der durchwanderten Länder befestigt sind, denn da steht noch Nordkap – Sizilien und dazwischen Sankt Petersburg -Paderborn drauf, holt sie sofort aus einer Kiste das richtige Stück weißen Stoff und schon wird das Rechteck mit der Hand gesäumt, denn die Nähmaschine sei kaputt. Mit einem Stift schreibe ich in russisch und lateinisch St. Petersburg 8.7.2007 und Deutschland (Paderborn) darauf und nähe das Ganze über das vorherige Prospekt. Nun habe ich viele Erklärungen an Frager gespart, die mich immer wieder frugen, ob ich wirklich vom Nordkap käme.
Eva ist eine perfekte Hausfrau. Alles stimmt hier, besonders das Essen. Als Michael von der Uni kommt, steht es auf dem Tisch.- Mit Eryka, einer Nachbarin, die noch nie von Lobowice gehört hat, fahren wir los. Obwohl ein genauer Atlas vorliegt, fahren die beiden „frei nach Schnauze“ und kommen natürlich erst in der Dunkelheit nach Lobowice. Vorher standen wir vor einer Oderfähre, Brücke schon ewig kaputt, Lobowice auf der andern Seite und der Fährmann betrunken oder nicht da, wie mir ein Mann dann später in Lobowice erklärt. Wir muessen einen grossen Umweg über Ratibor nach Lobowice fahren.
Kirche und Schloss bilden eine Einheit. Es wird hier gebaut!!! Das Schloss ist eine totale Ruine.Eine Aussenmauer steht noch ganz. Das Schloss wurde nach dem Krieg von den Russen als Ziel zum Panzerübungsschiessen benutzt, sagt mir ein Mann in Ratibor später.
Michael muss die Autoscheinwerfer an lassen und wir gehen zu der Schlossruine. Eichdorffs Bildnis ist riesengroß angebracht, dazu ein Zitat: “ Keinen Dichter noch liess seine Heimat los.“ Gereinigte Ziegelsteine sind in Kubikmetern aufgereiht und man hat den Eindruck, dass man das Schloss wieder aufbauen will. Da hat man sich aber was vorgenommen! Rechts vom Schloss muss der berühmte Hasengang liegen, in der Dunkelheit nur erahnbar. Ich habe mich zu Hause informiert! Aus dem Ruinenfenster des ersten Stockes heraus mag Eichdorff sein berühmtes Gedicht geschrieben haben: .“..am Fenster ich einsam stand …und hörte aus weiter Ferne ein Posthorn im stillen Land…ach wer da mitreisen könnte, in der lauschigen Sommernacht“ Meine Schüler durften es immer auswendig lernen. Sie haben das Leben lang etwas davon. Ich erinnere mich gut an ein Lesebuch der 70er Jahre (Drucksachen 8?), in welchem nur zweimal die Worte Goethe und Schiller vorkamen: „Goethe sprach zu Schiller, hol aus dem Arsch ’nen Triller. Schiller sprach zu Goethe, mein Arsch ist keine Flöte!“ Der Kulturbruch war gewollt. Pisa laesst gruesen. Und dann pilgern diese Typen scharenweise nach Finnland. Haltet -den -Dieb-Methode. Gibt es sonst noch Fragen??
Lest das Eichendorff – Gedicht, es lohnt sich!, „Sehnsucht“ mit Namen.
Das alte Schulgebäude hat man restauriert und ein kleines Museum eingerichtet. Nicht nur Eichendorff, sondern auch Dinge aus der Umgegend, eine Art Heimatmuseum. Tagungen können hier auch abgehalten werden, Betten für 50 Personen, sagt mir ein netter Herr der Stiftung, der uns alle Räume aufschließt. Es ist ja immerhin schon 19 Uhr.
In Ratibor fragen wir nach dem Denkmal des Dichters. Wir erhalten sofort die Wegbeschreibung. Ein 5 m hohes Bronze-Denkmal, E. in halb sitzender Stellung,. In unmittelbarer Umgebung wird gebaut. Bagger und Kipper. Schön, dass sie E. nicht vergessen haben, dass die am Denkmal die Schrift belassen haben “ Josef Freiherr v. Eichendorff 1788 – 1857 „, und dass sich in Lobowitz etwas tut. Den Romantiker Eichendorff, absichtlich verkannt (weil er katholisch war!?) als Gefühlsduseler dargestellt, ließ sich das Volk selbst nie nehmen, weil es den Tiefgang seiner Lyrik erspürt hatte:
„Es wandelt was wir schauen, Tag sinkt ins Abendrot, /die Lust hat eignes Grauen, doch alles hat den Tod…!“ Memento mori. – Eines verstehe ich immer noch nicht ganz: Warum haben die Polen die Inschrift auf dem Denkmal deutsch belassen und sie nicht nach meinen bisherigen Erfahrungen zu „Eichendorfa“ gemacht oder nicht gleich ganz ausgemerzt…? Oder in der Marienkirche in Krakau: Führung. Die Führerin führt in die Irre. Ich melde mich lauthals zu Wort. Nein, Veit Stoß sei kein Pole! Er ist in Horb geboren und das läge im Schwarzwald!! Seine Hauptschaffenzeit läge in Nürnberg! Dass er gerne nach Krakau kam, spräche für diese Stadt oder …? Cherchez la femme!!! Was wieder für die polnischen Frauen spräche. -Auf dem Friedhof in Ratibor konnte ich noch vor wenigen Jahren die Lebensarbeit eines Steinmetzes bewundern, der die Aufgabe hatte jedes deutsche Merkmal aus den Grabsteinen fein säuberlich herauszumeisseln. Zurueck blieben saubere Rechtecke und das Lateinische: R.I.P. Ist Schlesien anders geworden als der Norden?
Je unfreier ein Volk, desto romantischer ist seine seine Poesie! Napoleon, Karlsbader Beschluesse, die Zeit nach dem Wiener Kongress. Eichendorff lebte in dieser Zeit. Warum sehnen wir uns heute eigentlich wieder nach echter Romantik? Haben die Entmythologisierer etwa eine Wüste hinterlassen? In der Musik, Literatur, Malerei und auch …im Menschen? Unsere abendländische Tradition ist so reich, wir brauchen zum Meditieren keine ostasiatischen Gurus! Das wäre eine echte Aufgabe für Soziologen , Psychologen und Theologen.- Spaet sind wir in Gleiwitz zurueck.
Kommen Sie wirklich vom Nordkap? Das neue Prospekt erspart mir viele Erklärungen: RUS – D,
der Bauch kommt von den Maßen und den Schweinshaxen auf dem Oktoberfest! Ist schnell wieder weg!
Liebte seine Heimat, ersehnte die Ferne. Eichendorffdenkmal in Ratibor.

Eichendorff-Stube im Museum von Lobowice. Man gibt sich Mühe.
Eichendorff´s Geburtsschloss Lubowitz: Info-Tafeln vor der Ruine
Schloß Lobowitz. Baut die Hütte wieder auf! Das sind wir dem Dichter grossartiger Gedichte und unsterblicher Lieder schuldig!
104. Tag
Freitag 19.10.2007
Der Tag vergeht mit Internetarbeit. Am Abend lade ich die Familie Johan zum Abendessen ein. Morgen geht es nach Czestochowa, Tschenstochau
105. Tag
Samstag, 20.10.2007, 8 km
Gleiwitz – Czestochowa
Jede Stunde fährt ein Zug von Gleiwitz nach Czestochowa. Michael bringt mich zum Bahnhof. Die Fahrkarte für 115 km kostet 14,50 Zloty!!!! In Czestochowa gehe ich sofort nach Jasna Gora, dem Heiligtum der Schwarzen Madonna. Irgendwo aus dem Häusermeer ist der Turm immer zu sehen. Verlaufen ist nicht möglich. Wer Tschenstochau nicht kennt, kennt Polen nicht! Jasna Gora beherrscht die Stadt in jeder Hinsicht. Eine schnurgerade Prachtstrasse führt zu dem Berg, der Festung, in dessen Mittelpunkt das Heiligtum liegt, gleichsam das Herz der Bastion. Hier hat sich nicht nur einmal das Schicksal Polens entschieden. Hier hat es Kraft geschöpft. Was so eine Ikone bewirken kann! Ungeheuerliches!
Es war eine gute Idee hier meinen Pilgerweg fortzusetzen. Die Schwarze Madonna ist das Geheimnis was Katholizismus und Polentum so eng vereint. Wer die tiefgläubigen Menschenströme hier gesehen hat, versteht das. Vom Professor bis zum einfachen Bäuerlein: Alle knien und verharren und rutschen um das Heiligtum herum. (Der neu gestaltete Kirche von Stuttgart-Kaltental fehlen die Kniebänke. Knien ist eine altmodische Geste. Der aufgeklärte Christ kniet nicht mehr! Kniebänke weg! Das riecht etwas nach Luzifer!). Hier fällt alles vor der Gottheit noch auf die Knie, die Polen die Kraft gab fast 150 Jahre ohne Staatsform als Nation durchzustehen. Die Polen, nicht die Ungarn, haben den Kommunismus zu Fall gebracht. Dieser Papst Johannes Paul II. war es, der hier allerorten wie ein Heiliger verehrt wird. Sie wussten genau, warum sie ihn umlegen mussten. Da hat aber die richtige Vorsehung ordentlich gewirkt. Wie war das noch gleich mit dem Felsen und den Pforten der Hölle…?
Das Pilgerhaus ist neben der Festungsmauer. Den Tipp dort zu übernachten gibt mir Martin von der Informationsstelle. 23 Zloty kostet mein Zimmer. Essen gibt es in der Kantine nebenan. Martin gibt mir einen Segen von 4 Stempeln in meinen Pilgerpass und bietet mir weitere Hilfe an. Neben Tartu und Augustow war das die beste Informationsstelle auf meiner Reise.
Martin ist bisher der freundlichste Info-Angestellte auf meiner Reise. Vier Stempel in den Pilderpass!
Dann gehe ich noch einmal in die Basilika: Wieder brechend voll. Fast alles junge Leute. Abiturvorbereitung: Kraft sammeln in Jasna Gora!! Begeistert singen sie mit der Band moderne Lieder, schwenken Kerzen. Der Bischof zelebriert. Bei der Wandlung geht (fast)alles in die Kniee. Ich weiß nicht, wie ich mit meinem breiten Kreuz da unten zwischenkomme. Seit dem orthodoxen Kuremäe habe ich nicht mehr so lange in einem Gottesdienst verbracht
Es ist einfach fuer uns sekularisierte Christen… unbegreiflich, wie sich hier Gläubigkeit artikuliert. Das ist keine Show, die der Pole ja so liebt, das ist tiefste Frömmigkeit!Alles junges Volk! Und sie kennen die Texte auswendig! Während die Band auf die Bongotrommeln und das Schlagzeug haut. Es ist würdig, kein Pop-Abklatsch! Ich kann ja bald unsere „modernen“ Sakrogesänge nicht mehr hören, so ausgeleiert sind sie! Hier haben Künstler neue Lieder geschaffen. Als einziges stört mich die Hammondorgel. Mit und ohne Chip. Ein DJ ist besser als dieser musikalische Einheitsmuff. Verzeiht mir bitte Orgler, schiebt einfach den nächsten Chip rein!
In der Stadt verfalle ich wieder einem Italiener und werde geneppt. Wasser für 10 Zloty. Ich lerne nie aus. Morgen kommen die ersten 30 km nach fast einem Monat!!!Habe ich mir vorgenommen.

Czestochowa – Jugendmesse – kein Platz mehr!
Czestochowa – Beter 24 Stunden
1939 wäre ich ab hier in Deutschland gewesen. Alte deutsch – polnische Grenze vor Rosenberg
106. Tag
Sonntag, 21.10.2007, 36 km
Czestochowa – Przystain
Mit der Orientierung habe ich selten Probleme -von Jasna Gora herunter aber schon . Falsch von einem Kreismittelpunkt nach außen zu gehen – hat verheerende Folgen: die Winkelschere wird immer größer. Jemand sagt mir auch noch die falsche Richtung. Zum Glück muss ich nur ein Viertel der Stadt umrunden. Bedecktes Wetter, kein Regen, schlechtes Fotografieren. Gelegentlich finde ich einen Waldweg, ansonsten läuft hier alles Richtung Breslau, die Querverbindungen sind unterbesetzt. Ungepflegte Wanderwege landen immer in der Pampa! Hohes, noch nasses Gras, Kletten, nasse Schuhe, nasse Hose, zu lange habe ich mit den Sandalen gezögert. Es ist schon recht kühl, ca. 8 Grad. Jetzt heißt es halt weiterlaufen bis die Sachen trocken sind, nicht stehen bleiben, sonst ist die Erkältung da. Es gibt massenhaft gute Lagerplätze aber, als es dunkelt, laufe ich durch ein endloses Straßendorf mit wenigen Durchlässen und unzähligen Kötern. Eine Polizeistreife betrachtet mich interessiert. Aber ein Wanderer mit solch einem Geschirr kann nichts Böses im Schilde führen. Endlich- meine rote Blitzlampe am Hut habe ich schon lang ausgeschaltet – kommt ein Durchlass zu den Feldern ohne Hundegekläff. Schwupp bin ich weg von der Strasse und finde 200 m vom Dorf einen Apfelgarten mit weichem Grasboden. Zeltaufbau. Sternklarer Himmel. Es wird kalt, dafür morgen warm, denn es hatte ein kräftiges Abendrot gegeben. Meine Füße kommen samt Schlafsack in den entleerten Rucksack und alle freien Stoffsachen in den Schafsack… samt mir. Es wird mollig warm.
„Wenn´s kaum im Osten glühte,/ die Welt noch still und weit,/da weht recht durchs Gemüte
die schöne Blütenzeit.“(Eichendorff). Blick aus meinem Biwakzelt
Endlich mal Eis auf dem Zelt. Marcel, bist du nun zufrieden?!
Bald sind die Blätter vom Baum. Ostwind, saukalt. Es marschiert sich wunderbar!
107. Tag
Montag, 22.10.2007, 29 km
Przystain – Olesno ( Rosenberg O/S)
Das Kondenswasser im Zelt ist gefroren, das Zelt ist mit Raureif überzogen und die Pfützen haben eine Eisschicht. Nur schnell auf die Strecke. Warm laufen. Nach einem Kilometer – so ist das immer – kommt ein Hotel. 25 Zloty die Übernachtung. Dafür wird ausgiebig gefrühstückt. Vorweg ein Brandy! Heute sind auch Laster unterwegs und die Strasse ist eine beliebte Abkürzung von Breslau nach Czestochowa und weiter. Tiefe Rillen zeugen von ihrer Überlastung. Bald passiere ich die alte deutsche Grenze. Das Zollhaus steht noch.
Welche Gedanken hat man, wenn man sich seinem Geburtsort nähert, den man am 2. Januar 1945 verlassen hat. Kanonendonner im Osten, rasende Lkw gen Westen, „Christbäume“ vom Himmel. Alle reden vom letzten Zug. In 14 Tagen sind Sie wieder zurück! Saukalt! Hier haben sie noch 2 Decken. Am Zug hängen Leute, zwischen den Puffern… Platz da, Frau mit 2 kleinen Kindern. Ich sehe alles heute noch vor mir. Ordnung herrschte da immer noch in diesem Chaos. Danke Mutter, dass du das gebracht hast! Und dann der Fußmarsch durch die gesamt Tschechoslowakei bis an die bayerische Grenze…Auch damals ließen Mütter ihre Kinder im Stich, die dann das Rote Kreuz nach dem Kriege suchen sollte…Da kommt die Bahnlinie, da unser Haus.
An einem Kiosk frage ich nach einer Unterkunft erhalte nur deutsche Antworten und lande im Hotel Alexandra. Ganz schön kaputt nach dem süßen Leben der letzten Wochen! Warme Dusche, Stempel im Pfarrhaus holen. Nein, Deutsch spreche man nicht! Aber draußen spricht alles Deutsch! Komisch. Draußen stoppen mich Bauarbeiter. Wo ich herkäme usw. Meine Karte klärt es.
Meine Lederhose reizt einen Berliner mich anzusprechen. Wenn Sie nach Berlin kommen, sind Sie mein Gast! Paar Meter weiter: Wo kommen Sie denn her? Aus Westfalen? Mein Bruder ist auch in Westfalen. Bin ich hier in einer deutschen Stadt?? Jeden Sonntag ist eine deutsche Messe in der Kirche, da bekommt man keinen Platz mehr. Und deutsche Kirchenlieder werden da gesungen, die ganze Messe hindurch. Und Gomulka sagte, es gäbe keine Deutschen mehr in Polen!! Im Hotel wird auch Deutsch gesprochen, die junge Bedienung auch. Sie habe deutsche Papiere, das führe zu Neid… In meinem Zimmer ist das ZDF und das Erste gespeichert und die Inschriften sind in deutscher und polnischer Sprache. Die Bibliothek hat den einzigen Internetplatz, leider schließt sie schon um 18 Uhr. Ich komme an der Kirche vorbei. Brechend voll. Erst Rosenkranz, dann Messe. Wer hätte das erwartet!!
Heiß geduscht, gut gegessen, gut geschlafen in der Heimat

Die EG bezahlt die Schilder, die Polen dekorieren sie. Vor Olesno und ueberall.
Rosenberg, mein Geburtsort. Wußte gar nicht, daß Arnsberg die Partnerstadt ist. Bestimmt einmal
im Jahr dicke Buergermeisterbesuche und Gelage. Scheck und Shakehands.Ich bin vielleicht der ein-
zige Rosenberger im Regierungsbezirk Arnsberg, noch nie etwas davon gehört.
Auspacken im Hotelzimmer. Was nicht so alles aus einem Rucksack kommt, bzw.hineinpasst!
108. Tag
Dienstag, 23.10.2007, 31 km
Olesno – Tuly – Laskowice
Rosenberg hat eine herrlich Schrotholzkirche, alles inzwischen dunkeles Kieferholz. Ein Witzbold meinte „Ikea=Kirche…“. Die Bauart wurde von den Schweden hierher gebracht, die hier auch einmal herumspukten. Schlechtes diesiges Wetter. Besuche noch einmal die Bibliothek, wo man mich freudig begrüßt. Offensichtlich hat man meine Businesskarte studiert. Eine Dame interessiert sich für meinen Weg, und da die Route über ihren Wohnort führt, lädt sie mich ein. Ich könne mein Zelt im Garten aufschlagen. Doch der PC ist ein Zeitkiller!!!, sodass ich erst um 14 Uhr Rosenberg verlasse. Es regnet inzwischen. Bis Wedrynia erlebe ich die schlimmsten LKW-Fahrer seit Italien!!! Obwohl ich wirklich sichtbar bin (rote Halogenblitzleuchte am Hut, knallroter Poncho, weiße Stirnleuchte, gelbe Leuchtstreifen), muss ich mehrmals in den Graben springen. Die Strasse ist auch total überlastet. Tiefe Spurrillen zeugen davon. Ebenso die vielen Wegkreuze Verunfallter.Wedrynia hat ein wuchtiges ausgebranntes Schloss. Einer soll es nicht fürn ApplunnenEi bekommen haben, so munkelt man, habe er die Möbel geklaut und den Rest dann abgefackelt. Aber es werden ja viele Märchen erfunden. Jedenfalls verlasse ich jetzt den Horrorweg und laufe über Lasowice nach Laskowice.
Die Dämmerung kommt und der Regen hört nicht auf. Sandalen habe ich nicht angelegt, denn es ist schon empfindlich kühl. Mein in Torun erstandener Poncho ist sehr gut und ich werde nicht nass. Ich laufe durch ein kilometerlanges Waldstück nach Tuly. Spreche einen an – das kann man hier einfach auf Deutsch machen – und er erzählt mir, dass die ehemaliger Fürstenberger Besitz gewesen sei. Vielleicht sogar die Linie, die unsere Bruchhauser Steine als Domizil gewählt hat. Der alte Fürstenberg sprach jedenfalls immer von Schlesien und ich kannte ihn gut, bevor er nach Bayern übersiedelte und dort starb.
Gegen 20 Uhr stehe ich bei der Familie auf der Matte. Man hatte mich gar nicht mehr erwartet, aber sofort stehen Tee und Butterbrote auf dem Tisch. Nach einigen Minuten beschließt der Familienrat, dass ich auf keinen Fall im Garten, sondern im leeren Zimmer des Sohnes übernachten muss. Basta! Draußen wäre ein scharfer Hund und Entenkacke… Was will man dagegen sagen?
Ich bin bei Oberschlesiern gelandet. Alle sprechen gutes hartes Deutsch. Und es wird viel erzählt. Irgendwann müssen mir wohl die Augen zugefallen sein.
Freundliche Aufnahme bei Familie Danisch, deutsche Volkslieder. Sohn mit Enkelkind und Schwiegertochter
kommen unangemeldet zu Besuch. „Bei euch in Deutschland muss man sich anmelden!!!Familie ist hier Familie!“
Der Winter kommt gewiß
109. Tag
Mittwoch, 24. 10.2007, 8 km
Laskowice – Olesno -Laskowice , regnerischer Tag
Die Familie bietet mir an, mit nach Kreuzburg zu fahren. Gerne nehme ich das Angebot an. Nachdem ich merkte, dass ich mein Ladegerät des Handys im Hotel von Olesno habe stecken lassen, fahren wir auch später dort hin. Ich tanke. Kreuzburg interessiert mich auf zweierlei Weise.: Erstens steht dort das Geburtshaus Gustav Freytag’s und zweitens stammen unser langjähriger Pfarrer in Altenbüren, Adam Szymanski und seine Haushälterin Eva aus dieser Stadt, die heute Kluczborg heisst. Klingt zwar so, ist aber keine Übersetzung von Kreuzburg! Jedenfalls erhalte ich mit Freuden meinen Stempel in den Pilgerpass. Das Geburtshaus steht im Zentrum neben der evangelischen Kirche. Keine Tafel erinnert daran. Eine Frau klärt mich auf. Freytag soll sich irgendwo negativ über das Trinkverhalten der Polen geäußert haben. Rote Karte, keine Tafel! Zur Aufnahme der Tafel seien allerdings extra die Fenster versetzt worden. Irgendwo liege sie noch versteckt! Mit Denkmälern und Bronzetafeln hat der Osten ja seit Estland seine Probleme. Ich habe ja häufig schon darüber berichtet! Aber, fährt der Herr fort, am Ring habe man eine Tafel stillschweigend abgebaut. Warum?
Mit großer Propaganda wurde die Heldentat eines jungen Rotarmisten gefeiert, der sich selbstlos vor das Kellerloch warf, aus dem deutsche Soldaten mit einem Maschinengewehr den Rynek beherrschten. Jetzt kam heraus, dass den schwer betrunkenen Burschen die eigenen Kameraden davorgeworfen hatten. Tafel wieder weg. Sogar die Mutter des Ermordeten war zu den Feierlichkeiten nach Kluczbork gekommen. Was man nicht alles auf der Strasse hört, wenn man hier in Lederhose herumläuft.Ob das auch Propaganda ist. Die Tafel ist jedenfalls weg, ein Kreuz sollte man errichten, wenn die Geschichte wahr ist! Für die Mühe mit mir, lade ich die Familie zum Essen ein und da es schon in einer Stunde dämmert, darf ich noch eine Nacht bleiben.
Man hält auch noch in Tuly am Schloss, und ich gehe um die Ruine herum. Der Keller ist offen. Man könnte hineingehen. Seltsam, das Wappen der Fürstenbergs hat man nicht abgeschlagen. Im verwilderten Schlosspark stehen gewaltige Bäume. Mit Schlössern haben es die Polen übrigens auch. Obwohl es kommunistische Praxis war, jegliche Kennzeichen ostelbischen Junkertums auszumerzen, bedauern die Leute vielfach, dass die Schlösser so verfallen sind und ihrem Ort keinen Anziehungspunkt mehr verleihen. In einigen Orten, zum Beispiel in Pokoj, Karlsruhe, denen man das Schloss restlos geschliffen hat, haben sie wenigstens das Prospekt der barocken evangelischen Kirche restauriert, gelbweiss, wie es sich gehört, hinten verfällt sie weiterhin. Vielleicht gibt es einen zweiten Bauabschnitt.
Am Abend hole ich meine Gitarre heraus und die Familie deutsche Liederbücher, und es wird fleißig bis in die späte Nacht gesungen. Am meisten Spass hat das kleine Enkelkind an den Gesaengen.
Danke, ihr lieben Leute!
Das ominöse Kellerfenster auf dem Ring in Kreuzburg . 1945 deutsches MG-Nest. Heldentafel weg.
Gustav Freytag´s Geburtshaus. Fenster zwecks Tafel extra versetzt. Tafel, wo bist du? Einer meint: In
irgendeinem Keller ist sie noch versteckt.
Schloß Tuly, ehem. v. Fürstenberg, fast Ruine. Polen warten immer auf EG-Gelder. Und sie fliessen.
Vielleicht demnaechst auch fuer Tuly.
110. Tag
Donnerstag, 25.10.2007, 36 km
Laskowice – Mondary, bedeckt, gutes Wanderwetter
Wenn ich um 7.30 Uhr loskomme, habe ich in der Mittagszeit meine 30 km hinter mich gebracht. Nicht stressig! Das war in Spanien meine Devise. Heute kann es so werden. Oma muss zum Augenarzt. Früh wird aufgebrochen. In Budkowice stehen 2 Siebzigjährige am Straßenrand und unterhalten sich auf Deutsch. Wir kommen ins Gespräch und als ich von uns ein Foto mit Selbstauslöser machen will, lehnt der eine das ab. Ich könne ja den Kiosk fotografieren. Gerne möchte ich ihm meine Karte wieder abnehmen. Das kann man ja auch anders sagen. Verar…. könne ich mich selber besser, antworte ich ihm und gehe meines Weges. Man muss diese Generation auch verstehen, die immer unter Spitzeln saß. Was hat der Kommunismus hinterlassen! In der ehem. DDR könnte ich auch auf solche Vorbehalte treffen in Russland waren es die Stempel, die nicht hergegeben wurden. Wer stempelt hat Macht – und die konnte schnelll negativ aussehen!
Auf dem Friedhof liegen deutsche und polnische Gräber friedlich beieinander. Es geht also auch so. Hier hat sich offensichtlich nicht „der Dumme“ gefunden. Alle Pfarrer der Gemeinde sind auf einer Tafel aufgeführt. Erst deutsche Namen, dann polnische.
Neue Tafel: Die Pfarrer von Budkowice, alle
In Zagwizdzie steht das ganze Gymnasium an den Fenstern. Lehrer und Schüler winken mir zu. Das sieht lustig aus. Keine Klasse weiß voneinander, aber alle Fenster sind voller Kinder. Da kommt ein Laden, „Bäckerei “ steht daran. Zweites Frühstück ist angesagt. Ein Cafe hätten sie hier nicht. Plötzlich bringt mir die Bäckersfrau eine Tasse Kaffee heraus.
Ein gut gekleideter Herr gesellt sich zu mir. Im Feuerwehrhaus hätten sie jetzt Wahlnachbesprechung. Er habe mich schon nach Czestochowa gesehen und jetzt schon hier? Wenn der wüsste, wie schnell ich sein könnte…! Nette Unterhaltung, ja, die Zwillinge wären nicht mehr dran! Ich bewege mich nicht auf politisches Terrain! Kurz darauf kommt Jerzy. Er sei von der hiesigen Presse. Meine Karte hilft mir bei solchen Begegnungen ungemein. Ich brauche nicht so viel zu erzählen. Er war auch Lehrer, jetzt Reporter. Was sind das alles nette Leute hier! Er will sicher die Bilder und den Artikel an Dominik mailen. Die Bilder sind schon da.
Mittagspause in Zagwizdzie – Fotos per Email von Jerzy mit der Bemerkung geschickt:
„…your father is ok and full of energy!“
Oberschlesien, östlich von Breslau, Zagwizdzie: Jerzy von der Presse und Politiker besuchten mich auf der Bank.
Die Bäckersfrau brachte mir heißen Kaffee. Hier spricht fast jeder Deutsch! 
Zagwizdzie:Bäckersfrau , brachte den Kaffee
Da kommt ein Anruf aus Grotniki. Ob ich die Hochzeit von Kinga und Andrew, Polen-Ausstralien, vergessen habe? Samstag! Auweia. Lodz ist fast 300 km entfernt. Die Bahn wird es richten. Ein herrlicher Wanderweg durch tiefen Wald führt mich nach Pokoj (Karlsruhe).
Am Spätnachmittag bin ich in Mondary. Namslau, Namyslow hat einen Bahnhof. Busfahrt. Doch heute komme ich nicht mehr nach Lodz. Auch von Breslau nicht. Ich werde in Breslau übernachten und gleich ein Hostel ausprobieren., in einigen Tagen werde ich sowieso hier sein. Dominik sucht mir einige im Netz heraus und noch während der Bahnfahrt kommt die SMS. Super!!
Ich möchte in den Schweidnitzer Keller, weshalb das Hostel nahe am Rathaus liegen sollte. Passt. 10 Bett -Zimmer allein, 50 Zloty. Internet frei.
Eine herrliche Atmosphäre bietet der Breslauer Ring!! Das gotische Rathaus ist leider etwas verdeckt durch die Wände einer blöden Ausstellung, die man gerade vor das Rathaus platzieren muss. Man stelle sich einmal so etwas am Marienplatz in München vor!!
Im Keller begrüßt einen gleich eine Tafel, welche Persönlichkeiten den Keller schon besucht haben. Gustav Freytag, Eichendorff, Goethe, Kaiser Sigismund… Das Foto wird die Namen zeigen. Das Bier ist gut, das Essen schlecht. Ich bestelle ein Riesenschnitzel und erhalte ein kaum handtellergroßes. Bestelle ein weiteres Essen. Also? Biertrinken hier und essen anderswo!
Ich komme in ein Gespräch mit der Dame am Nachbartisch. Inderin in einem Trainingsprogramm in Breslau. Hübsch und nett. Sie will das Foto mailen. Wenn nicht, kommt der Satz wieder weg…! Durch das nächtliche Breslau zur Unterkunft. Es ist noch viel Leben auf der Strasse.
Pokoj: Vorne schon „ui“, hinten noch „pfui“, Das Schloß hat man leider total geschliffen. Jetzt: Kreisverkehr.

Zwischen Laskowice und Budkowice: Witzbold, altes Schild “ Bahnhofstraße“ am Haus. Vor einigen
Jahren noch undenkbar.
111. Tag
Freitag, 26.10.2007, 8 km
Bahnfahrt Wroclaw (Breslau) – Lodz
Um 6 Uhr raus. Der Zug geht um 7.19 Uhr. Vormittags in Lodz. Freudiges Wiedersehen. Kinga hat ihren Andrew auf der Arbeit in England kennen gelernt. Nach 4 Jahren klären sie das G‘ schlamperte Verhältnis. Obwohl ich nicht soll, mache ich mich nützlich: Spülen, Kartoffeln schälen, Hund betreuen… Alles ist ein bisschen nervös. Klar. Nur Woitek spielt seine Computerspiele.
Hochzeitsvorbereitungen! Braut, Mutter und „Hochzeitsessenlogistikerin“. Wie bei uns!
Küchenmaschine in voller Fahrt. Grotniki
Nach der Hochzeit. Gruppenbild. Am stolzesten sieht der Simon aus. Monika, Andrew, Kinga, Kascha,Wodek, Tante.
112. Tag
Samstag, 27.10. 2007, 0 km
Hochzeit in Grotniki,
Kirchlich heiraten sie nicht. Schade. Die Zeremonie im Standesamt gleicht der unseren. Die Standesbeamtin trägt eine rote Robe. Ein Dolmetscher ist bestellt, Händel’s Largo ertönt, nur der schöne polnische Adler hängt schief. Sie werden es richten. Danach gibts Sekt und den obligatorischen Riesenkuchen, reine Buttercreme und knallrote Zuckerrosen drauf, gefärbt mit Bayer-Leverkusen.
Zu Hause gibt es dann ein ausgelassenes Fest, wie ich es aus dem Hause Soska schon kenne. Viele polnische Spezialitaeten si nd zu probieren!. Vodka ist halt Nationalgetränk. Ich halte mich zurück. Die Bilder mögen sprechen!
Es wird spät. Glückwunsch dem Paar.
Trauung mit Dolmetscher. Kinga, Polin; Andrew, Australier
Mann, Vater, Tochter, Mutter, Schwester, Oma
Hochzeitstisch, vorher…
…nachher
GANZ POLEN IST EINE MÜLLVERBRENNUNGSANLAGE
Näherte ich mich in Polen einem Dorf und es roch nach verbranntem Plastik, wusste ich, dass der Wind von vorne kam. Es ist unvorstellbar aber wahr, dass in Polen Plastik in ungeheuren Mengen verbrannt wird. Wir unterhalten uns emotional über das Rauchen und dort wehen dem Fussgänger die gefährlichsten Gase nur so um die Nase, denn irgendwann brennt jedes Plastikteil, blau und kräftig. Der Heizwert ist nicht zu unterschätzen! Jedenfalls haut fast jedes Haus das Zeug in den Ofen. Abhilfe könnte von Heute auf Morgen eine Pfandrückgabe bringen. Das Spiel mit der menschlichen Trägheit kombiniert mit einem komplizierten Rückgabesystem lässt, wie bei uns, die Kassen der Verleiher kräftig klingeln. Die Bundestagslobby der Flaschen war sowieso viel stärker als die der Dosen. Auf meinem Nordkap – Sizilien – Pilgerweg durch Schweden, habe ich deren einfaches System der Dosen- etc. -Rückgabe kennengelernt das sie schon seit Jahrzehnten besitzen. Bei uns musste das Installieren offensichtlich so lange verzögert werden, bis durch die nicht rückgebbaren Pfand-Flaschen und Dosen, die teuren Rücknahmeautomaten vom Kunden bezahlt worden waren…Groll beiseite! Polen jedenfalls nutzt in gigantischen Ausmass die Heizkräfte von allen Plastikarten. Von Suwalki bis Görlitz beisst es bei Gegenwind in der Nase, wenn man sich einm Dorf nähert.
113. Tag
Sonntag, 28.10.2007, 21 km
Mondary – Wald vor Bierutow
gutes Wanderwetter
Beinahe hätte ich den Zug verpasst. Zeitumstellung. Ein Glück, dass ich nicht soviel Vodka getrunken habe. Fahre mit der Bahn bis Namslau. Bus bis Mondary. Das geht alles problemlos.
Mich erwartet ein herrlicher Wanderweg durch den Wald. Kleine Strasse, nicht immer geteert. Ein Bauer sagt mir, dass ich unbedingt über Olesnica nach Breslau gehen soll. Olesnica sei schöner als Kreuzburg. Wir werden sehen.
Da ich erst gegen 15 Uhr loswandern kann, schaffe ich es nicht mehr bis Olesnica. Es ist warm und ich finde ein herrliches Waldplätzchen. Nach den süßen Tagen wunderbar geschlafen.
Rechts Braut, links Schwester, Kinga und Kascha, rechts aussen: Dunja, den Namen hat sie von mir.
114. Tag
Montag, 29.10.2007, 22 km
Biwak vor Bierutow – Olesnica (Oelsein)
bestes Wanderwetter
Eigentlich wollte ich bald wieder weiterziehen, aber das frühere Oelsein ist herrlich, so dass ich hängen bleibe. Neben der Kirche ein gewaltiger Bau, verbunden mit einem Übergang. Das wird wohl das Pfarrhaus sein. Stempel holen! Es war das alles beherrschende Schloss. Heute Jugendherberge, Tagungsstätte. Haben auch einen Stempel. Die Leute sind so nett, dass ich hier bleibe. 22 km sind auch schon etwas. Einzelzimmer im dritten Stock des Schlosses ist ein weiteres Abenteuer. 4,5 m hoch. 25 Zloty.
Alle freuen sich über meinen Weg. Spaziergang durch den Ort. Hier spricht kaum einer Deutsch. Seltsam. Vor wenigen Kilometern war es noch an der Tagesordnung. Von einer mit Mörtel zugeschmierten Tafel an der Kirche, blättert langsam der Putz ab.Barockschrift. Sie wird garantiert restauriert! Die Leute bedauern, was die Vorgänger angerichtet haben. Restauriert ist jedenfalls schon ein Schild in der Kirchenmauer, in 4 m Höhe hat es ueberlebt: Erbbegräbnisstätte der Familie Sachs…Dann auf den Ring. Mein Gott ist der herrtlich! Schoener als in Kreuzburg! Doch was haben sie denn da hingebaut.? Die schoene Sicht auf die Basilika und das Schloss wird durch einen kastenfoermigen Biedronka Supermarkt zerstoert. Direkt vors Rathaus gesetzt. Es tut mir leid, Leute, da kann nur die Raupe helfen!! Das Ding stammt bestimmt noch aus kommunistischer Zeit. Nach dem Motto gebaut: Da wollen wir doch mal dieser kunstfreudigen, herrlichen, aristokratischen Koenigsstadt Krakau eine stinkende Industriesiedlung vor die Tuere knallen! Nova Huta. Also, Plattenkastensupermarkt vors Rathaus, damit man ja keinen Blick mehr auf Basilika und Schloss hat.
Dann suche ich ein Restaurant. Habe langsam Hunger. Außer drei Frittenbuden gibt es rein gar nichts!!!!! Keine Wirtschaft, kein Restaurant. In welcher Welt bin ich gelandet? Investoren, wo seid ihr? Hier kann man Geld machen! Die Stadt hat 40 000 Einwohner. Transplantierte stalinistische Kultur! Die Stadt hilft, so steht es jedenfalls in einem Prospekt der Kommune. Ich geh zu Biedronka im Schatten des wunderbar angestrahlten Rathauses und kaufe mir Heringe, Brot und Milch. Abendessen. Später werde ich dann irgendwo ein Bier finden.
Da ich noch von der Kirche einen Stempel haben möchte und ich gestern keinen Gottesdienst besuchen konnte, gehe ich um 18 Uhr in die Basilika am Schloss. Reiner Barock. Herrlich. Fuer Polen relativ wenige Messbesucher. Nach der Messe wie immer in die Sakristei. Deutsch, English, Francais, Italiano…? „Polska“, kommt ratzfaz vom Pfarrer, ca. 35 Jahre, zurueck. Ich radebreche Pelegino, Santiago, Stempel, Credential … während er sich abwendet, redet er: nix Stempel, Kanzelarius Stempel! Ich warte noch eine halbe Minute, es kommt nichts mehr. Diskret lege ich meine Karte auf den Tisch und schleiche hinaus. Als ich mir die Kirche von außen besehe, kommt er heraus und sagt plötzlich auf Deutsch: Kommen Sie! Ordnung muss sein. Nein, sage ich, das war unfreundlich von ihnen und er wäre seit St. Petersburg der Erste… Wie sagte doch meine Cousine: …. einer wird sich immer finden.
Ich überlege, ob ich den Stempel ablehnen soll, gehe aber in gehörigem Abstand hinter ihm zum Pfarrhaus, wo mir eine Nonne den Adress-Stempel in den Pass drückt. Etwas schjöner als der von der Abtei Maria Laach. Nach meinem Dankeschön auf Polnisch, sagt er bitteschön auf Deutsch.
Draußen muss ich tief Luft holen. Da muss man 2000 Kilometer laufen um so etwas zu erleben. Sofort suche ich ein Internetcafe auf, um alles los zu werden. Erst in Ostpreußen und dann auch hier offene Feindseligkeit. Es tut mir im Grunde leid, denn ich bin ja auf der Suche nach…Gut, es menschelt halt überall, vielleicht hat er mit Deutschen schlechte Erfahrungen gemacht, die auf einmal nach EG-Recht hier auftauchen? Aber er kam doch grade vom Altar! Es scheint hier eine Methode zu sein zu verleugnen dass man Deutsch spricht und versteht. Haette ich nicht so viele nette Polen getroffen, die auf mich zugingen, ich bekaeme ein falsches Bild. Lasst uns Europa friedlich aufbauen! Er hat sich ja besonnen. Liebet eure Feinde. Das war dann eben auch zutiefst christlich. Jetzt wird hier das Internetcafe geschlossen und ich mache mich auf die Suche nach einem Bier.
Gute Nacht. Morgen ist Breslau im Visier.
Nachtrag in Breslau: Es gab kein Bier auf Hawaii…ein „Restaurant“ führte nur Fast Food und keinen Alkohl, in der nächsten „Bar“ war man mit dem Alkohol schon sehr weit, also, heim ins Schloss – den Rest Milch ausgetrunken! Die ist bestimmt besser für die morgen kommenden Kilometer. Nocheinmal: Investoren gesucht! Die koennen doch nicht immer in ihrem Ostostost-Stil verbleiben!: Wie war dasWochenende? Ach, da kam mein Schwager und wir haben nur 3 Flaschen Vodka… Augustow – 500km nach Westen versetzt. Doch die dort haben die Zeichen der Zeit schbon erkannt, ich erinnere nur an die Touristeninformation!, wenn es auch ab 19h nichts mehr zu essen gab. Sie hatten aber wenigstens Restaurants! Diese herrliche Stadt Oelsein hat keines!!

Olesnica, irgendwann kommt alles mal wieder zum Vorschein. Langsam blättert der Putz! „Gott“ ist schon sichtbar.
115. Tag
Dienstag, 30.10.2007, 37 km
Olesnica – Breslau
Ich will es heute wieder einmal am Schienenstrang versuchen, da es nur dicke Trassen gibt. Doch irgendwann lerne ich es doch: Es gibt dort keine durchgehenden Wege. Oft landen sie in der Pampa, im Sumpf, an Wasserläufen, so dass ich über den Gleiskörper oder zurück muss. Hohes Grass, Kletten, dauernd Entwässerungsgräben.
Mein Pilgerstock ist unentbehrlich. Was machen eigentlich die Nordicwalkingtrickler, wenn sie keinen Freizeitvollzugsweg abtrickeln? Nicht einmal in der Nase können die sich bohren….pardon! Doch über Stock und Stöckchen kommt noch ein Report! Jedenfalls ist der Weg kurz aber sehr beschwerlich und sowas zahlt sich nicht aus! Ploetzlich haelt ein Auto und ein Schornsteinfeger schenkt mir den neuen Kalender mit allen Namenstagen von 2008, klopft mir auf die Schulter, dass es nur so staubt…herrlich.
In Borowa lande ich an einer größeren Straße, gehe Mittag essen und dann auf die „Autobahn“. Zum Glück verläuft parallel dazu ein halb zugewachsener Waldweg, weicher Boden, aber gut zu laufen, besser als an der Bahn.
Besseres Wetter kann ich mir nicht wünschen: bedeckt, trocken, gelegentlich Herbstsonne. Hier im Tiefland viel Dunstfelder. Gegen 16.30 Uhr erreiche ich den Stadtrand von Breslau und um 17.30 Uhr nehme ich den Stadtbus ins Zentrum. Da dieser 45 Minuten im Stau steckt, hätte ich auch laufen können. Ich schlafe im Bus ein. Eine Frau, die ich vorher fragte wo das Zentrum sei, weckt mich. Galeria! Finde schnell den Weg am Rathaus vorbei (die blöde Ausstellung verstellt noch immer den Blick auf das gotische Kleinod!) zu meinem Nathanhostel, dusche, mache mir etwas zu essen und gehe dann ein Bier in den Schweidnitzer Keller trinken. Heute sitze ich auf dem Platz von Kaiser Sigismund, der hier eingekehrt war. Die Leute mir gegenüber sitzen auf dem Platz von Frederic Chopin. Der Keller lässt mich einfach nicht mehr los! Das Gewölbe, die Fresken, die „Chorstühle“. Da erreicht mich von Axel Krischbach aus Duisburg eine schlimme SMS über einen unserer Freunde. Da kann man nur noch beten.
Breslau: Schweidnitzer Keller – Herrliche Atmosphäre – Goethe was here!
Kaiserplatz im Schweidnitzer Keller. Gegenueber sass Chopin. Schraeg links mir gegenueber Goethe.
Schade! Architektur zerstört. Blöde Ausstellung
Imm an der Bahn lang… Nicht empfehlenswert.
Olesnica, Abendmesse in der Basilika
Supermarktkasten an die schönste Stelle des Ringplatzes (Rynek). Einzige Lösung: Raupe ansetzen!
116. Tag
Mittwoch, den 31.10.2007 (Mein Namenstag, Wolfgang, Bischof von Regensburg)
Wroclaw(Breslau)- Brzezina, 36 km , dann Bahnfahrt von Brzezina nach Glogow (Glogau). Taxifahrt nach Jakubow 12 km südlich von Glogau.
Ich möchte auf den neu geschaffenen niederschlesischen Jakobsweg, der von Glogow nach Görlitz führt. Wie haben es die Polen organisiert, wie ist die Aufnahme der Pilger? usw. Da der Weg SSW verläuft, passt er eigentlich nicht in meine Strecke und ich werde wieder einen Ausgleich herbeiführen. Ich werde von Breslau nach Brzezina laufen, dort die Bahn nach Glogau nehmen und dann den neuen Weg bis Görlitz laufen. 170 km soll er lang sein. Das wäre sogar mehr als ich bis zur deutschen Grenze habe. Also laufe ich aus Breslau Richtung Liegnitz und biege dann bald nach rechts auf die 336 ab. Herrliches Wanderwetter. Erst die Altstadt , dann immer mehr Plattenbauten, bis das freie Feld erreicht wird. Kleine Dörfer, freundliche Menschen, Köter über Köter, die gesammelten Rassen Schlesiens…Der Bahnhof Brzezina ist verkommen und der Zug nach Glogau und weiter nach Gruenberg ist so brechend voll, dass ich kaum hineinkomme. Morgen ist Allerheiligen und da fährt ganz Polen heim, einschließlich der Gastarbeiter. Das lassen sie sich nicht nehmen!!!
Im Wagen finde ich noch einen Stehplatz. Um mich herum auf den Sitzen nur junges Volk. Studenten aus Breslau. Fast jeder einen Laptop auf dem Schoss. Der unter mir schießt laufend irgendwelche Monster ab, mit Feuer und Schwert. Mich weißhaarigen Menschen sitzen lassen… Auch ein Produkt linker Pädagogik: Vor alten Menschen aufstehen? Wir armen Kinderchen haben doch so einen schweren Tag hinter uns…Eltern ehren? Quatsch! Die hatten doch ihren Spaß bei der Zeugung! Danke sagen? Die wollen Euch doch nur bestechen…! Und wenn die um die Ecke glotzen, sollst du ihnen in die Fresse rotzen! Ich wiederhole mich. Pardon, passte nur wieder gut. 
Im Zug unter Laptoppern. Nur muede Jugendliche auf den Sitzen. Die Alten auf den Boden! Die Demonstration
machte mir natuerlich Spass.
Nun, ich habe ja einen Haufen Kilometer hinter mir. 32 heute. Ich bin stolz, dass man mir das nicht ansieht. Nach 10 Minuten Stehen, mache ich es mir auf dem Boden bequem. Kurzes Aufsehen der Laptopler und weiter wird geschossen, zerhauen und zerstrahlt. Ein Glück, dass sie die Stöpsel im Ohr haben, das wäre ja ein akustisches Inferno hier im Gepäckabteil. Nach über einer Stunde hat sich der brave Schaffner bis zu mir durchgekämpft und verkauft mir einen Fahrschein., bewundert meine Wanderkluft und wühlt sich weiter.
In Glogau erwartet mich eine weitere Überraschung: Der diesige Tag führte zur frühen Dunkelheit. Ich wollte eigentlich die 12 km noch laufen, doch wer weiß, was mich dort in Jakubow erwartet, denn 21 Uhr wird es immer werden. Taxi. 25 Zloty. Für hiesige Verhältnisse teuer. Doch das würden sie bei uns noch viel schlimmer machen: Was will so’n Fremdling um diese Zeit anderes machen? In Jakubow ist die Kirche und das Pfarrhaus mit Jakobwegtafeln zugepflastert. Nicht zu übersehen. Das ist ja prima. Pfarrhaus. Oben fernseht es. Ich schelle 10 x. Irgendwann erwische ich schon eine Pause! Pfarrer kommt im Morgenmantel. Er sei krank. Doch er ist dabei freundlich. Pilgerzentrum? Ja! Schlafen? Bitteschön! Sofa steht bereit! Er steigert sich, und bringt mir Tee, Suppe, Joghurt, Brot. Erst zeigte er mir das einfache Klo, dann später sein warmes Badezimmer, erst kaltes Wasser, dann warmes Wasser. Rücke auf, mein Freund! Den Rest klärt meine Buisinesskarte…Bald kommt der Präsident der Jakobusgesellschaft mit seiner Tochter vorbei, Stanislaw Halarewicz, und später spielt dann der Pfarrer noch auf meiner Rucksackgitarre. Alles ohne Alkohol!!!!! Ich schlafe selig. Wecken ist 6 Uhr.
Und der Pfarrer schlägt in die Saiten: Jakubow. Alles ohne Vodka, das will für Polen etwas heissen!
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