Uralter Pilgerweg auf den Berg nach Vezelay. Hier verließ ich meine Linie 20 km östlich. In Nevers kam ich wieder auf sie zurück (5. Juni 2000).

 

 

44. Tag:  8. Juni 2000, Dirol – Chauprix (St. Sulpice/Nievre), 44 km

Von St. Sulpice aus betreute mein Freund Dieter Langner mehrere Jahre die Forsten der Familie Underberg. Als Student besuchte ich ihn oft in dieser ursprünglich herrlichen Landschaft mit lieben Menschen und gutem Essen. Bis Chauprix werde ich es heute schaffen, wo wir 1963 ff. so manches Fest gefeiert haben.- Ein sehr heißer Tag ist heute und man ist nicht schlecht erstaunt, als ich unangemeldet dort erscheine. Erinnerungen werden ausgetauscht und Andre Sautereau in St. Sulpice wird angerufen, um mich abzuholen.Bald ist er in Chauprix. Andre, ein lieber Freund aus den 60er Jahren, war schon vom Tode gezeichnet und 2001 fuhr ich zu seiner Beerdigung nach St. Sulpice. R.I. P.. Der Vater war Schmied gewesen und Andre sattelte auf Heizungsbau um. Ich habe kaum fleißigere Menschen als dieses Gespann erlebt. Morgens um 6 h hörte man schon das Ping-Ping auf dem Amboß.
Da ich keine Pferde scheu machen wollte, hatte ich von meiner Pilgerreise nichts vorausgeschickt. Die Verblüffung und Freude ist riesengroß! 
Eine Orgie mit Balkenbrand und 10-Gänge-Menü,  wie in früheren Zeiten, entfällt. Andre´s Krankheit läßt das nicht mehr zu.

45. Tag: 9. Juni 2000, St. Sulpice, 11 km

Einen Tag will ich bleiben! Doch meine Route wird wieder durcheinandergebracht, denn liebe Freunde haben sich mit ihren Ehefrauen angemeldet: Peter Kusche und Franz Pena. Jetzt nehme ich das Angebot zu einem Besuch von Andre´s Schwester Yvette Germain in Luzy an. Dort kann ich meine Freunde erwarten. In St.Sulpice gibt es keine Hotels und Restaurants! -Yvette hat nach Luzy geheiratet und führt dort einen Blumenladen. Sie ist Patentante meines Sohnes Marcel. Ihr Mann Bernard wird mich morgen hier in St. Sulpice mit dem Wagen abholen. Also, Unterbrechung meiner Pilgerreise!
Den Tag verbringe ich mit Wanderungen in der Gegend um St.Sulpice, wo die Ammoniten nur so auf den Feldern herumliegen…Jugenderinnerungen werden wach. Wie sagte mir damals 1963 im Vertrauen ein Franzose: Seit dem Krieg ist hier ein Deutscher zurückgeblieben, der hat sich einen schönen Hof aufgebaut, aber …der ackert auch noch nachts mit Licht! Irgendwie muss dieser Deutsche  auch Georges und Andre Sautereau angesteckt haben…

46. Tag: 10. Juni 2000,  St. Sulpice – Luzy, mit dem Auto,  5 km

Früh holt mich Bernard ab, denn für Mittag haben sich die Freunde angekündigt.70 km westlich. Freudiges Wiedersehen oder wollten die nur einmal einen abgemagerten Pilger sehen? Pech. Wie man sehen kann, habe ich noch ein ordentliches Lebendgewicht! Die Freunde sind müde und als sie ausgeschlafen haben, haben Yvette und Bernard ein wunderbares Restaurant ausgemacht. Großartiges Essen und … Trinken! Nach Mitternacht kommen wir ins Hotel.

 

47. Tag: 11. Juni 2000,  Luzy, 5 km

Gemütliche Ortsbesichtigung unter sachkundiger Führung. Luzy ist eine kleine rege Gemeinde an der Grenze zu Burgund an der Straße nach Autun.Gemütlicher Abend.

48. Tag: 12. Juli 2000, St. Sulpice – Nevers, 28 km

Die Freunde fahren frühzeitig ab und bringen mich wieder auf meine alte Strecke bei St. Sulpice. In Nevers ist St. Bernadette allgegenwärtig. An ihrem Schrein gibt es viele Beter und nach der Messe klopfe ich an der Klosterpforte an. Nach Studium meines Passes meint die Schwester, dass sie eine Übernachtungsmöglichkeit für Pilger hätten – es sei aber nicht sauber gemacht. Das würde ich dann machen, sage ich. Durch den Garten, der Mauer entlang. Ein Einzelzimmer. Staub. Man schickt mir Besen, Eimer und Putzhader. In 30 Minuten ist es sauber. Im Schrank liegt ein Kreuz. Ich hänge es wieder an den Haken. Dann setze ich den Tisch nach draußen und schreibe meine Tagebuch. Verwundert bin ich schon, dass so viele Leute an mir vorbeikommen. Später lese ich dann, daß ich am täglichen Spazierweg der Hl. Bernadette sitze…Nachts werden die Tore geschlossen. Lange sitze ich fast alleine vor dem gläsernen Schrein. Die Heilige wirkt wie schlafend. Solche Erlebnisse kann einem keiner nehmen!

49. Tag: 13. Juni 2000, Nevers – Gimoille, (mit dem Auto nach Charly) 29 km

Nach einem Blick auf die Karte habe ich mich entschlossen Willi Scheuer, Maler und Bildhauer in Charly zu besuchen. Leider gibt es keine Brücke wie ich dachte über den Fluß und ich muß einen Umweg laufen. Gegen Nachmittag rufe ich Willi an, er solle mich in Gimouille abholen. Willi Scheuer widmet sich der Phantastischen Malerei und Bildhauerei und kehrte Deutschland in den 90er Jahren den Rücken, kaufte sich in Charly ein Häuschen und lebt dort noch heute in Zufriedenheit. Wir sitzen gemütlich auf seinem Freisitz bis spät in die Nacht.Ich werde noch eine Nacht bleiben!

50. Tag: 14. Juni 2000,  Charly, 4 km

Inzwischen sind die Tage recht heiß geworden, weshalb ein Sprung in Willi´s Schwimmbad eine Wohltat ist. Mein Pilgerstab muß repariert werden. Ich versuche zu Zargen, was ganz gut gelingt. Kaltleim dazwischen. erst in Spanien muß ich den Stab wieder reparieren. Freunde von Willi kommen zu Besuch und es gibt einen gemütlichen Abendschmaus mit viel Rotwein …

51. Tag:  15. Juni 2000, Charly – Meilland, 27 km

Es ist schwül und ich schwitze stark. Zu erkennen ist das an Tausenden von kleinen Mücken die mich umschwirren. Schneller marschieren hilft etwas. Als ich Dun sur Auron verlasse, tauche ich in einen langen Forst ein. In Meilland versperrt mir ein dicker Mann den Weg: Wo wollen sie hin? Wo wollen Sie schlafen? Ich sage meine üblichen Sprüchlein auf, die sich im Grunde an den Vöglen des Himmels orientieren … Es ist schon spät. Der Sohn hatte mich von Fahrrad aus entdeckt und hatte dem Vater berichtet. Ich schlage im Garten mein Zelt auf und der ehemalige Koch macht mir um 21h noch ein Abendessen. Morgen werde ich nur bis St. Armand laufen.

52. Tag: 16. Juni 2000, Meilland über Bruere-Allichamps -St. Armand,  31 km

George Genillier sagt, dass ich unbedingt über  Bruere-Allichamps und die Abtei Noilac laufen muß. Vor allem wegen der kleinen Straße mache ich den Umweg nach St. Armand; außerdem komme ich auch früh auf die Straße. Ein Pflichtfoto in Bruere-A. auf dem Mittelpunkt Frankreichs und weiter nach Noirlac. Man nat die gewaltige Abtei wieder aufgeputzt und da Mittagszeit ist, wird Pause gemacht. Warten hält mich zu lange auf, auch die sehr hohen Eintrittsgebühren. Ich begnüge mich mit einem Rundgang über Stock und Stein um die Abtei und lese die Infos im Eingangsbereich.Weiter! Vor einer romansichen Kirche sitzt eine Schulklasse und zeichnet. Für Kinder bin ich natürlich die größere Attraktion und plötzlich stehen 20 mit ihren Malblöcken um mich herum und ich muß mir aus dem Gewirr von Fragen einge herauspicken.
In St. Armand übernache ich auf dem Campingplatz „La Roche“

 

Wer käme in Deutschland darauf, einen Kreisverkehrsmittelpunkt so zu schmücken?

 

 

Nevers. Das Kloster der Heiligen Bernadette hat eine Pilgerunterkunft. Ich müsse nur Putzen. Kein Problem! Zeit zum Schreiben (12. Juni 2000).

 

53. Tag: St. Armand – Foret Vielle, 29 km

Ein heißer Tag ist heute angesagt und einige große Straßenbauarbeiten zwingen mich immer wieder zu Umwegen. Es ist zum K…..!An Fußänger wird immer zuletzt gedacht. Endlich bin ich das Gekurve leid und gehe ein paar Kilometer auf der D997. Jede Kneipe wird angegangen. Da hält ein Auto vor mir. Annie und Paul Gravost steigen aus. Sie gehen nach San Compostelle?? Ich habe eine schöne Pilgerherberge errichtet. Privat. Kommen Sie nach Foret Vielle! Wir freuen uns. Ich muß wieder einen Umweg in Kauf nehmen, das wird sich aber lohnen! Es geht über Loye sur Arnon und da ich nicht mehr weit habe, vergesse ich alle guten Vorsätze und ziehe mir 3 Bier hinein…Bier wird durch Durst erst schön…erinnere ich mich. Wahrlich ein wahrer Satz!
Paul und Annie warten schon auf mich, noch zwei Pilger sind bereits hier, es gibt Abendessen und ich singe zur Gitarre auf der Veranda bis, ja bis man an meinen Beinen zwei Zecken entdeckt. Gründliche Untersuchung und Entfernung durch meine Methode: In einer kleinen Flasche führe ich Stroh-Rum, 80%igen, mit mir. Die Zecken, wenn sie schon Blut saugen, sind in der Haut. Das Hinterteil schaut heraus und „atmet“. Sie dürfen gar keine Chance haben zu „spucken“.Ich betupfe sie mit dem Rum. Der macht sie augenblicklich „platt“ und ich kann sie ohne Drehen und Würgen entfernen. Die sogenannten Zeckenzangen arbeiten  auch nach dem Prinzip der Schnelligkeit, doch manchmal schnappen sie auch daneben.
Was die Unterkunft koste? Geben Sie was sie wollen! Die Gravost´s haben Paris verlassen, um auf dem Land die Rente zu genießen. Die Pilger sind eine schöne Abwechslung für das einsam gelegene Haus. Ein Besuch und ein Umweg lohnen sich!Das Zimmer ist vom Feinsten!

 

Besuch beim deutschen Künstler Willi Scheuer in Nerondes. Zwei Tage Pause

 

Paul und Annie Gravost waren Paris leid und geben Pilgern eine Unterkunft. Sie sprechen mich auf der Straße an (Loye sur Arnon, 17. Juni 2000).

 

54. Tag: 18. Juni 2000, Foret Vielle – St. Priest/Bois Vert, 38 km

Meine Frage nach einer Sonntagsmesse löst Paul sofort und fährt mit mir nach Culan. Der Pfarrer ist hoch erfreut Paul auch einen deutschen Pilger begrüßen zu können. Langes Schwätzchen nach der Kirche. Ich hätte ja von Culan aus weiterlaufen können. 20 km gespart. Doch ich will wirklich den ganzen Weg von der Haustüre aus gelaufen sein. Zurück nach Pauls Haus und auf die Strecke. Paul gibt mir die Adresse eines holländischen Bauern, Pierre von den Broek, bei St. Priest, der mich am Abend in der zersiedelten Landschaft mit dem Auto aufgabelt, heimfährt und bewirtet. In der Dämmerung  war ich an seinem Hof schon verbeigelaufen. Man suche einmal zu Fuß eine Adresse in einer unbekannten zersiedelten Landschaft!!!Das war von Paul zwar nett gedacht, aber praktisch hält so etwas einen Fußgänger auf. Sollte mir eine Lehre sein. Die Menschen denken nur noch in Autokategorien. Gas geben und in weniger als 3 Minuten habe ich 4 km hinter mir. Ich brauche dafür EINE STUNDE!!!! – Frische Milch, noch warm. Die Holländer sind ein fleißiges Völkchen. Ich traf sie als erfolgreiche Landwirte – nicht nur als Urlauber!!-  auf meinen 12000-Europa-Kilometern überall! Im Balitkum, in Polen, in do ehemalsch´n Dedeär, in Skandinavien… Von Namibia ganz zu schweigen, wo sie mir das deutsche Südwesterlied beibrachten: Hart wie Kameldornholz ist unser Land und trocken sind seine Reviere…!Ein trockener anstrengender Tag findet sein gemütliches Ende. Tired but happy!

55. Tag: 19. Juni 2000,  St. Priest – Roches, 43 km

Ein Glück, daß die Bauern früh aufstehen!! Van den Broek ist ein solcher! Die Morgenfrühe ist meine Zeit und es soll wieder ein heißer Tag werden,  sagt Pierre. Ein gutes Frühstück und ab geht es den frischen Morgen. In Chatelus ist es so warm geworden, dass ich in dem städtischen Naturbad hängen bleibe. Extra Seesand haben sie hier hergekarrt! Erst am Spätnachmittag mache ich mich wieder auf die Socken. In Roches passiere ich eine Grillparty. Pascal und Nicole bitten mich daran teilzunehmen. Freudig nehme ich an. Auf die Frage, ob ich mein Zelt im Garten aufstellen könne, kommt die Antwort: Du bekommst ein Zimmer!! Kollegen: Sie Biologie, er Physik. Was sind die Franzosen ein unkompliziertes nettes Volk! Und man hatte mich vor Frankreich ausdrücklich gewarnt! Nach 12000 Fußkilometer (19. Dezember 2007) durch Europa,  komme ich zu dem Schluß, daß Frankreich dem Pilger gegenüber das netteste Land war, gefolgt von Schweden und den Baltischen Staaten. Doch darüber an anderer Stelle!-

Natürlich habe ich mich oft gefragt, woran es läge, daß sich mir überall in Europa (es kann ja jeder nachlesen!) immer wieder mühelos Herzen, Tür und Tor öffneten.Als Bettler trat ich niemals auf! 
Was war es also?
Mein gesamtes Outfit (in der Lederhose)?
Mein offenes Zugehen auf Menschen?
Mein sichtbarer Schweiß, den ich vergoß?
Meine Gitarre – aber diese war ja im Rucksack!
Mein leidliches Französich?
Meine pfadfinderische Tugend der Bescheidenheit?
Meine Hilfsbereitschaft?
Was mag es gewesen sein?

Vielleicht ist das der Grund:
Da ist ein Deutscher, der reichlich Schweiß vergießt um unser Land zu Fuß kennen zu lernen, der bescheiden (wie ginge es sonst als Weitwanderer!?) und nicht großkotzig daherkommt, damit zufrieden mit dem ist, was man selbst hat und sich Mühe gibt unsere Sprache zu sprechen. Dieser leise Versuch einer Selbstcharkterisierung mag zusammengenommen der Grund für mein Glück sein.-
Gleiches erlebte ich auch, wenn ich über 40 Jahre lang mit meinen Pfadfindern,  Fußballjungen, Schülern und Schülerinnen Europa, Afrika, Amerika auf einfachste Art und Weise durchreiste: Bescheidenheit ist eine Zier! Oder: Mit dem Hute in der Hand …–
Und hier bei Nicole und Pascal: Ein nettes, freundliches Zimmer mit  weißem Leinenbettzeug erwartet mich nach einem ausgiebigen Grillabend mit den besten Rotweinen Südfrankreichs. Danke!

56. Tag: 20. Juni 2000, Roches – Gueret, Etang de Courtil
Das Frühstück ist nicht französich, es geht über Cafe-Creme und Croissant hinaus. Nicole fährt mich zum Bürgermeister und der gibt mir ein echtes Siegel in den Paß! Dann entschließt er sich noch zu einem handschriftlichen Eintrag: Bon courage! Das schreibt er mit Anerkennung  und der  Sehnsucht so etwas wie ich auch einmal machen zu können. Ich mag die Menschen hier! Wir Westfalen würden uns da etwas schwerer tun. Als ich mein Andreas-Kreuz nach 12 000 Fußkilometer abgeschlossen hatte (19.12.2007), empfing mich noch nicht einmal mein Freund, der Ortsvorsteher Willi M. mit einer Flasche Bier. In gemütlicher Runde daraufhin angesprochen, meinte er : Wenn einer so bekloppt ist und von St. Petersburg bis nach Altenbüren zu laufen, so ist das seine Sache. Recht hat er! Ich hätte mich dennoch  gefreut. Die Propheten gelten seit Jesus von Nazareth (Mt.13) sowieso nichts in ihren Vaterlanden! Doch ich weiß es einzuordnen: Zweimal deshalb Wilhelm Busch:   
Wir mögen keinem gerne gönnen,
„Dass er was kann, was wir nicht können!“

Und zu meinem Trost für das verpaßte Bier:
„Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung!“

Doch die Franzosen interessieren sich vornehmlich für meine Idee und reagieren spontan mit Freundlichkeiten. Ich bewege mich ja auch immer konzentrierter auf St. Jean Pied de Port, den Übergang über die Pyrenäen, zu. Hier sind ja seit 1200 Jahren viele Millionen Europäer vor mir gepilgert!! Während man in Deutschland und Luxemburg weniger wahrgenommen wurde, gelegentlich sogar als Hambummel oder Landstreicher, steht hier in Frankreich das spirutuelle eines Pilgers im Vordergrund! Viele Menschen denen ich begegne, fühlen sich ebenfalls als Pilger und würden gerne mitlaufen, wenn sie es könnten. Vielen muß ich versprechen für sie ein Gebet in Santiago zu sprechen oder eine Karte zu senden. Ein wunderbares Gefühl ist es, dieses zutiefst christliche Interesse zu fühlen. Im Sauerland geht es halt um Bier und Fußball! Ebenfalls zwei schöne Sachen! (Ich weiß wovon ich rede, denn ich war jahrelang Vorsitzender unseres Sportvereins TUS Elmerborg).-

Von Glenic aus muß ich die große D940  nach Gueret gehen. Es gibt keinen anderen Weg. In Gueret suche ich den Campingplatz  auf. Er liegt einige Kilometer außerhalb des Ortes. Schade! Hätte mir gerne das Städtchen angesehen, bin aber hundemüde um zurück zu laufen!-  Ein junges deutsches Radlerpärchen interessiert sich für mich. Alles zu Fuß? Als sie bei mir einen Tablettenstreifen sehen, werden sie ganz komisch. Ich schalte schnell: Sehen sie, es ist nur Magnesium, das braucht man wirklich!! Eigentlich normal, daß Radfahrer immer an Doping denken!-
Als es die Pyrenäen hinaufging, schockierte ich sowieso die jungen Hipphopper, die da keuchend am Wegesrand langen. Sie konnten ja nicht wissen, daß ich in Paderborn gestartet war und schon 2000 Kilometer hinter mir hatte. Außerdem waren die Rothaar/Eifel-Täler weitaus anstrengender als der 4-stündige Aufstieg nach Roncesvalles!-  Eigentlich wollte ich heute regional schlemmen, da der Weg aber nach Gueret  für einen Fußgängerso weit ist, brötschele ich mir selber etwas.

57. Tag: 21. Juni 2000, Gueret – St. Dizier
Ein wunderbarer Wandertag durch kleine Dörfer steht mir bevor. Als ich St. Dizier erreiche, ist eine kleine Dorfparty im Mittelpunkt bei der Kirche. Als ich den Leuten sage, daß ich vor Tagen durch das große St. Dizier gekommen sei, bin ich sofort einer der ihrigen. Nach den üblichen Umtrunken, weist man mich auf den Campingplatz, wo ich auf dicht geschnittenem Rasen mein Biwak aufschlage. Das muß man den Franzosen lassen: Viele Dörfer haben einen Campingplatz. Oft liebevoll gebaut und gespflegt. Der Übernachtungspreis ist sehr niedcrig, wenn man an unsere Wahnsinnspreise denkt, auch die Italiens, die in den letzten Jahren erst um Hunderte von Prozent angestiegen sind. 



 

Nicole und Pascal essen zu Abend im Garten. Ich wandere vorbei. „Nein, sie müssen mitessen und übernachten. Nicht im Zelt“ (19. Juni 2000).

 

Seit der absolutistischen Zeit ist Frankreich mit Kamälen durchzogen. Im Sommer voller Hausboote. 

 

.St. Leonard sagt es mir schwarz auf weiß, dass ich auf der richtigen Linie bin.

 

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Im Krankenhausgarten ist eine Pilgerunterkunft. Rührend die Aufnahme und Verpflegung (22. Juni 2000).

 

58. Tag: 22. Juni 2000, St. Dizier – St. Leonard de Noblat
Eine überfahrene Giftschlange signalisiert mir, daß ich beim Zeltaufbau Vorsicht walten lassen muß. Das Zelt erst öffnen, wenn ich schlafen gehe. Schlangen lieben ja so die kuscheligen Schlafsäcke!
Ein brüllend heißer Tag. Wenn  schon der Asphalt an den Schuhen kleben bleibt…! In der Gonge nehme ich ein Bad und höre hinterher von den dort picknickenden Franzosen, daß sie das nicht tun würden! Stimmt,  noch am Abend hatte ich an den Beinen einen Ausschlag.
St. Leonard de Noblat bietet mir mehrere Höhepunkte, weshalb ich auch gleich 2 Tage dort bleiben werde:
Gleich am Eingang des Ortes empfängt mich das Schild  „route historique des Saint Jaques en Limousin“. Meine Theorie wird eindrucksvoll bestätigt: Der Limovicensis ging  ursprünglich gar nicht über Limoges, sondern über St. Leonard!! Und St. Leonard liegt direkt auf meinem „Strich“, den ich von Linz bis St. Jean gezogen habe. Irgendwann haben sich die Limoger eine Reliquie geklau.. und so die Pilgerströme über sich geleitet. Ich bin auf der wahren Spur!
Wenn die Noblater aber schon am Ortseingangsschild mit dem Hl. Jakobus prahlen, werden sie doch bestimmt eine Pilgerherberge haben. Es ist schon 20 Uhr!
Eines der ersten Häuser ist die Gendarmerie Nationale! Rechter Hand.Alles helll erleuchtet. Parterre keiner, erster Stock keiner, zweiter Stock keiner, aber unter dem Dach höre ich lustige Stimmen! Ich platze in eine fröhlich Runde von Polizisten hinein – der Schreck ist auf ihrer Seite!- und sage mein Sprüchlein auf. Man ist sichtlich erleichtert! Kein Problemfall! Ich höre etwas von „Hopital“. Man ist freundlich. Der Youngster der Runde wird auserkoren mit mir nach Parterre zu stampfen. Personalausweis? Kopie! Hier herrscht Ordnung! Ich bekomme ein Formular mit Gendarmneriestempel und trolle mich zum „Hopital Dr. Rene B. …etc.“. Aber ich bin doch nicht krank! Alles tot. Keine Pforte. Ich schelle. Lautsprecher. Ich bin Pilger nach St. Compostelle. Einen Moment! Eine Krankenschwester kommt herab. Freundlich, lustig. So, nach Compostelle? Mit dem Aufzug hoch! Auf einmal habe ich 6 Krankenschwestern babbelnd um mich herum. Einbruch eines Exotzen in die Geriatirie! Ob ich schon etwas gegessen habe? Nein! Schwupp, sind alle weg. Eine Minute später sind alle wieder da und ich habe einen Haufen Chips, Baguettes, Käse und Getränke im Arm. Der Hausmeister wird gerufen und ich erhalte im Garten ein hübsches Dreieckshäuschen. Frühstück wäre ab 7 Uhr. Ich bin platt! Wenn das ein Hospital ist, sind hier auch Ärzte für meine Beine. Ich richte mich für zwei Tage ein!!!
Bleibt noch zu berichten, daß der Polizist sich weigerte, den Gendarmeriestempel auch in meinenPilgerpass zu drücken. Hinterher schneide ich ihn vom Formular aus und klebe ihn in den Paß.

59. Tag: 23. Juni 2000,  St. Leonard de Noblat, Ruhetag
Man hat nichts gegen eine zweite Übernachtung in meinem Spitzhaus. Im Gegenteil! Ich bekomme gratis eine Untersuchung durch eine Ärztin, Salbe und ein Desinfektionsmittel, Betanine und eine Großmassage. Das Wasser im Fluß war doch nicht sauber gewesen. Dieses Betanine macht mich hinterher von den Pyrenäen an zum Star der Fußkranken. Davon später!
St. Leonrad ist ein reizendes Städtchen mit einer herrlichen Kathedrale. Richtig französich, nicht so gleichmäßig wie der Dom zu Kölle, der jahrhundertelang als Bauruine herumstand und erst 1878 seine Türme bekam…den Franzosen zeigen wir Preußen, wie man eine Kathedrale baut! Schließlich hatten wir ja auch 70/71 gesiegt! Es ist herrlich durch unser vereinigtes christliches Europa zu wandern!– Mittagessen ist um 12h, Abendessen um 19h und morgen bleibt es beim Frühstück um 7h. Ich kaufe ein: Pralinen, Rotwein aus Burgend, Champagner, Plätzchen … uvam! Die sollen mich in guter Erinnerung haben! Lauschöpper war ich nie!

60 Tag: 24. Juni 2000, St. Leonard – Pierre Buffiere
Ich habe momentan nur herrliche Tage vor mir. So ein Regentag wäre nicht zu verachten! Wir Menschen lieben doch den Wechsel!
Nach der Messe in der Kathedrale verlasse ich St. L.. Dass mir der Koch noch ein Freßpaket mit auf den Weg gibt, habe ich wirklich nicht erwartet und es bewies mir, daß ich mich ordentlich aufgeführt habe.
Wenn  ich am Abend in Pierre-Buffiere einlaufe und auf dem Campingplatz übernachte, der weit außerhalb liegt, kann ich getrost den Tag mit E.M. Remarques Titel charakterisieren: Im Westen nichts Neues!

61. Tag: 25. Juni 2000, Pierre Buffiere – Monterolles  

Gruppenbild nach 1.500 km seit Paderborn

 

(Wird fortgesetzt-immer wenn ich Zeit habe! Altenbüren, den 13.5.2008)

Nach der Sonntagsmesse zur Weinprobe in den Schlosskeller. Einige Kilometer hält die Weinwirkung an.

 

Waldlager. Dritter Pilgerstockbruch. Wollte nur die Brennessel wegschlagen.

 

In Mailland versperren mir Vater und Sohn den Weg: Ich dürfe jetzt nicht weiter. Der ehemalige Koch serviert mir um21 Uhr Spiegeleier dazu Brot und Wein. Großartige Leute.

 

In Bruere-Allichamps ist der Mittelpunkt Frankreichs.

 

Barbara (+ 2007) und Dietmar – Besuch aus Deutschland. So mancher besuchte mich auf der Strecke. Dann musste ich immer ins Hotel oder auf einen Campingplatz. Ein herrliches Abendessen schloss sich an. Danke.

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