
Meine „Wanderkarte“ wird vorbereitet: Ein Strich von Suwalki an der polnisch-litauischen Grenze bis Paderborn. Ein 30 cm breites Kartenband, wie ich es schon für die Pilgerreise nach Santiago hergestellt hatte. Der Maßstab ist 1 : 200 000, also 1cm entspricht 2 km in der Natur. Wenn ein Karten-Meter abgelaufen ist, wird abgeschnitten und das Stück Karte nach Hause geschickt. Für Russland und das Baltikum kaufte ich regionale Karten vor Ort. Ebenso für manche Strecken in Polen.
Reise- und Marschplan 2. Juli bis 31. Juli 2007
Anreisetage:
1. Tag: 2.7. Altenbüren – Berlin (Bahn) 7 km Deutschland
2. Tag: 3.7. Berlin – Grotniki (Bahn) 14 km Polen
3. Tag: 4.7. Grotniki – Suwalki (Bahn) 4 km Polen
4. Tag: 5.7. Suwalki – Tallin (Bus) 10 km Polen, Litauen, Lettland, Estland
5. Tag: 6.7. Tallin – St. Petersburg (Bus) 14 km Estland, Russland
6. Tag: 7.7. St. Petersburg – Puschkin 12 km Russland
Wandertage vom 8. Juli bis 31. Juli
1. Tag: 8.7. Sankt Petersburg – vor Jagelewo 29 km Russland
2. Tag: 9.7. vor Jagelewo – kurz vor der E 20 30 km
3. Tag: 10.7. vor E 20 – E 20 Feldlager 31 km
4. Tag: 11.7. E 20 Feldlager – E20 Waldlagerplatz 33 km
5. Tag: 12.7. E20 Waldlagerplatz – Narva (Estonia/ Estland) 39 km Estland
6. Tag: 13.7. Narva 12 km
7. Tag: 14.7. Narva 11 km
8. Tag: 15.7. Narva – Sillamäe 32 km
9. Tag: 16.7. Sillamäe, Ruhetag 8 km
10.Tag: 17.7. Sillamäe – Kuremäe 26 km
11.Tag: 18.7. Kuremäe – Kuru 37 km
12.Tag: 19.7. Kuru – (26 Radkilometer) 8 km
13.Tag: 20.7. Kuru -Vilusi 31 km
14.Tag: 21.7. Vilusi – Kodavere 28 km
15.Tag: 22.7. Kodavere – Kallastre 16 km
16.Tag: 23.7. Kallastre – Kolkja ( Tartu) 21 km
17.Tag: 24.7. Tartu (Dorpat) in der Stadt 14 km
18.Tag: 25.7. Tartu – Pärnu 10 km
19.Tag: 26.7. Pärnu – Tackendorf 29 km
20.Tag: 27.7. Tackendorf – Kabli 34 km
21.Tag: 28.7. Kabli, Ruhetag, 10 Radkilometer, 6 km
22.Tag: 29.7. Kabli – Ainazi 27 km Lettland
23.Tag: 30.7. Ainazi, Ruhetag 8 km
24.Tag: 31.7. Ainazi – Dzeni 34 km
Juli, Gesamtkilometer……………………………………………………………….. 605km
EIN STRICH AUF DER LANDKARTE
Jakobswege? Jakobuswege? Manchmal ist es glatt zum Lachen und zeigt die Vermarktung des Pilgerweges. Jede Ecke Deutschlands hat einen Jakobsweg entdeckt und jagt die Pilger über den Parcours. Als ob diese in früheren Zeiten so doof waren und über einen Berg kraxelten, wenn eine bequeme Talstrasse vor ihnen lag. Die wirklichen Jakobswege sind heute meistens durch Strassen belegt. Also nimmt die touristische Vermarktung des Weges ungehindert ihren Lauf. Gegenden, wo es sich nicht lohnte eine moderne Strasse zu legen, haben noch die Originalwege. Zum Beispiel, zum allergrössten Teil der spanische Camino. In diesen unwirtlichen Gegenden blieb der Trampelpfad zum Hl. Jakobus erhalten. Manche Bemühungen des Tourismus kann man ruhig belächeln. Lassen wir die Logik sprechen: Die Pilger wollten nach Santiago. Der Weg war unendlich lang. Die Pilger gingen keine Umwege. Die Pilger gingen den kürzesten Weg. Die Pilger umgingen Hindernisse. Die Pilger überquerten Flüsse wo Furten waren… usw. Die Zickzacklinien entstanden erst, als man in den mittelalterlichen Tourismusbüros die Wirtschaftskraft entdeckte. Wer eine Reliquie erstand, konnte sicher sein, dass sich die Pilgerströme zu ihm wälzten. So entstand ein Spinnennetz von Jakobswegen über Europa. Ich ging bei meiner Planung nach Santiago also logisch vor. Wo waren Pilgerzentren? Für mich im Raum Paderborn wichtig: südlich von Köln-Bonn. Als ich Linz/ Rhein besuchte, legte man gerade in St. Martin ein riesiges Fresco frei: St. Jakob mit seinen Pilgern zu Pferde, zu Schiff und zu Fuss. Ich kaufte mir die nötigen Michelinkarten (1 . 200 000), klebt sie zusammen, legte ein Lineal von Linz bis zum westlichen Pyrenäenübergang (St. Jean P.d.P.) auf die Karte und zog einen Strich. 15 Zentimeter rechts und links dieses Striches schnitt ich die Karte ab. Dieses über 7 Meter lange Kartenband war mein Jakobusweg durch Frankreich. Erstaunt stellte ich fest, dass es deckungsgleich mit dem Limovicensis war.- Rechts und links diesesKartenstriches lief ich durch Frankreich, merkte nicht einmal Paris, kam aber durch viele bedeutende Städte, die der Weg eindeutig hervorgebracht hatte. Und als ich durch St. Leonard de Noblat kam und nicht durch Limoges wurde ich in meiner Theorie bestätigt: Am Eingang von St. Leonard empfing mich ein Schild, dass ich mich auf dem originalen Camino nach Santiago befände…(den Limogesiens hatte man es wieder mal gezeigt!).
Das gleiche Verfahren machte ich mit dem Weg vom Nordkap nach Sizilien und von Petersburg bis nach Paderborn. Kartenband in Rollenform. Die Linie führte mich zum Ziel… ich merkte es erst richtig, als die Pyrenäen vor mir auftauchten. Die abgewanderten Kartenteile wurden jeweils mit der Post nach Hause geschickt. Kein Gramm zu viel tragen!!
DIE PLANUNG DER STRECKENFÜHRUNG
Santiago: Dazu ist im vorhergehenden Text schon fast alles gesagt. Meine Linie verliess ich nur mit Vezeley, sonst bin ich ihr treu geblieben. In Spanien muss man nur dem gelben Pfeil folgen! Hilfreich eine Karte mit Einzelblättern, die über den Camino herausgebracht wurde. Darauf findet man Unterkünfte, Sehenswürdigkeiten, Lokale etc. Hinter meinem Querhosenträger hatte ich eine kleine Tasche annieten lassen. Die war der Aufbewahrungsort für das aktuelle Blatt. So hatte ich es immer schnell zur Hand. Frankreich ist voller kleiner Strassen. Da brauchte ich mir über Wege keine Gedanken machen.
Nordkapp – Sizilien: Für den Fernwanderer ist Skandinavien – mit einigen Nebenwegen – nur über die grossen Strassen zu bewältigen. Vom Nordkapp herunter gibt es nur die eine und wenn man bedenkt, dass ich in Flensburg die Hälfte meines Weges nach Sizilien hinter mich gebracht hatte, erkennt man erst die ungeheuren Ausmasse von Skandinavien!
Die Alpenüberquerung fand über den Brenner statt und für den Marsch durch Italien wählte ich nach Siena den alten Pilgerweg nach Santigo an der Westküste entlang. Mein Weg war fast identisch mit Goethes Weg. s.a. Italienische Reise! – Sizilien lief ich entlang der Ostküste, denn der südlichste Punkt Siziliens liegt unter Syracusa: Capo delle Correnti.
St. Petersburg – Paderborn / Brilon: Da ich die drei baltischen Staaten mitnehmen wollte, war der Weg von Petersburg durch diese vorbestimmt. Tallin sparte ich aus und wählte den Weg am Peipisee entlang über Tartu nach Riga. Über Königsberg wäre ich gerne gelaufen, was aber noch einmal ein Visum von 140 erfordert hätte. Also musste ich über den Engpass bei Suwalki-Augustow laufen. Von Suwalki bestimmt wieder meine Linie den Weg: Allenstein, Thorn, Posen, Frankfurt, Berlin, Hildesheim, Paderborn. Von Torun (Thorn) verlagerte ich die Strecke nach Czestochowa und lief dann über Schlesien den neuen Jakobsweg von Glogau nach Görlitz. Von Peitz aus ging dann über den Spreewald nach Berlin und kam wieder auf meine alte Linie zurück. Die Gründe für die Verlegung des Weges, der sogar etwas länger war als der ursprüngliche, stehen in den Tagebuchtexten.- Der Weg von Berlin wurde durch die „Reichsstrasse 1“, die B1 bestimmt, die mit meiner Linie übereinstimmte. Auch wollte ich Weihnachten zu Hause sein, weshalb der Weg von Berlin ohne süsse Trödelei gelaufen wurde. Der Weg von Petersburg war die gemütlichste der drei Pilgerreisen – ich bin ja auch ein ganzes Stück älter geworden…


Oben: Vorder-und Rückseite der Postkarte zu www.andreas-kreuz.de, liebevoll entworfen von Stefani Boxberger, gedruckt in bester Qualität von Ansgar und Ute in ihrer Druckerei in Marsberg. Die Karte öffnete mir Türen, änderte das Verhalten gegenüber dem abenteuerlichen Wanderer und schützte mehrere Male mein Leben. Da ich keinen Sponsor im Gepäck habe, schenkte mir die Druckerei Boxberger die Karte. 1000 Karten habe ich verschenkt. Nochmals vielen Dank nach Marsberg!
2004 WAR DER WEG VOM NORDKAP NACH SIZILIEN BEENDET. VIELE FRAGTEN SICH UND FRAGTEN AN, WANN DENN DER LETZTE TEILRUSSLAND/ST.PETERSBURG nach PADERBORN FOLGEN WÜRDE?
ES GAB VIELE GRÜNDE DEN „HINTERN NICHT HOCH ZU KRIEGEN“:
Weil …
ich mir mein linkes Wadenbein brach,
die Enkelkinder so faszinierend waren,
David getauft wurde,
ich die Hochzeit meines jüngsten Sohnes erleben wollte,
Jule Lebkuchen mit mir backen musste,
ich Fotos für meinen Freund Slomi in Passau und Augsburg machen sollte,
es zu Hause zu gemütlich war,
ich keinen fand, der mit mir mitpilgerte,
ich ständig von Leuten gewarnt wurde durch Russland zu wandern,
weil, ja weil, ja weil…
DOCH JETZT GEHT ES ENDLICH LOS! MICHAEL DOHMEN BEGLEITET MICH DURCH RUSSLAND:
Und das jetzt auch noch in Bildern:
Opa Wolfgang kam nicht los, weil er
…mit David Quatsch machen mußte,
…mit den Enkelkindern auf dem Boden sitzen musste,
…nach dem Kyrillsturm Baumstümpfe mit den Enkelkindern bemalte,
…im Auto Aaron, David und Julius Asterix vorlesen mußte,
…den letzten Rest Schokoladencreme vor Julius retten mußte,

…mit Jule echte Nürnberger Lebkuchen backen mußte,
(den Teig hatte ich schon zwei Monate vorher gemacht!),
… mit Claudi und Dominik Hochzeit feiern durfte,
… Jule beim Fußballspielen sehen wollte. „Iiiih! Papa hör‘ das mit dem Wasser auf!!“
…in Passau und Augsburg für Slomi Bilder machen wollte!
Weiter kämpferisch,
Mehr Stimmen wie er holt keiner: Ramsauer!
Realität:Umjubeltes Paar! Die Presse schrieb mehrheitlich:
Es wurde gepfiffen. Quatsch! Ein Pfeifer fand sich!
Einsam.Hat jemals eine Revolution ihre Kinder nicht gefressen?
…weil er dass alles machen musste und wollte, fand es Opa Wolfgang zu Hause so schön.
Doch jetzt ist Schluß mit lustig! (vielleicht wird’s noch lustiger!) – on the road again!!- mit Michael
Dohmen, einem Jugendfreund aus der Pfadfinderzeit. Der hat den Hut noch!

Abschied vor der Haustüre in Altenbüren…
BERICHT MEINES JUGENDFREUNDES AUS DER PFADFINDERZEIT MICHAEL DOHMEN, DER MICH VON ST.PERTERSBURG BIS NACH ESTLAND BEGLEITETE:
Hier klinke ich Michael Dohmen mich ein und berichte aus dem Gedächtnis über die ersten Tage unserer Reise (von Brilon bis Narva). Da ich selbst kein Tagebuch geführt habe, orientiere ich mich an den Fotos, die jetzt endlich in entwickelter Form vorliegen. Einige Lücken in der Erinnerung und Ungenauigkeiten bitte ich zu verzeihen. Wolfgang dürfte es später leicht fallen, diese Lücken aus seinen Aufzeichnungen zu füllen.
Ich weiß gar nicht mehr, an welchem Tag wir nach vielen Vorbereitungen in Brilon aufbrachen (ich glaube, es war Sonntag, der 1. Juli). Diether und Renate Schnelle, Freunde von Wolfgang , brachten uns mit dem Auto nach Kassel. Die Fahrt wurde jedoch bereits am Ortsrand von Brilon unterbrochen, denn selbstverständlich musste der dortigen Jakobus-Linde ein einleitender Besuch abgestattet werden.
Brilon, Jakobuslinde und Heiligenhäuschen mit dem Hl. Jakobus. Alter Treffpunkt
der Pilger nach Santiago de Compostela. Hier, westlich von Brilon, trafen sich
früher morgens die Pilger zum gemeinsamen Weitermarsch. (Östlich von B. steht
die „Branntrige Linge“, angebrannte Linde. Der Name kommt von den kaffeekochenden
Handwerksburschen, deren Treffpunkt diese Linde war. Beide stehen noch!)
Am Bahnhof in Kassel angekommen, erstanden wir am Automaten eine Fahrkarte nach Frankfurt/Oder und fuhren mit einigen Unterbrechungen zunächst nach Berlin. Streiktag!!! Dort kamen wir sehr spät abends an. Wolfgang telefonierte ein wenig und wir fanden trotz der späten Stunde noch Aufnahme bei Danni Graetz, wo ich auf dem Wohnzimmerboden und Wolfgang auf dem Sofa übernachten konnten.
Am Morgen nach einem Frühstück im Straßencafe

verabschiedeten wir uns schon wieder von Danni und fuhren mit der S-Bahn in den Berliner Süden, um Elmar und Andrea einen Besuch abzustatten, deren neues Domizil Wolfgang noch nicht kannte. Da wir sie nicht antrafen, begaben wir uns zum nahen Wannsee, wo wir uns bei einem leckeren Stachelbeerwein erst einmal stärkten.

um dann mittags nach Frankfurt/Oder aufzubrechen.
In Frankfurt / Oder angekommen, fragten wir vor dem Bahnhof nach dem Weg zur Oderbrücke. Amüsiert hörten wir die Fragen einiger Jugendlicher, ob wir durch ganz Deutschland wandern wollten. Unsere Aufmachung hatte schon die richtigen Assoziationen hervorgerufen! Auf dem Weg zur Oder wurden wir noch einmal angehalten, und zwar von einer Journalistin, die sofort ein Interview mit Wolfgang haben wollte. Sie versprach, den Zeitungsartikel auch an Wolfgangs Adresse zu schicken, was aber bisher wohl nicht geschehen ist.(sagen und machen sie alle…leider):
Kurz darauf überquerten wir die Oder und damit auch die polnische Grenze. Und dann passierte es: Beim Betreten einer Wechselstube übersah Wolfgang die Stufe, die sich innen direkt an die Tür anschloss und stürzte um ein Haar. Dabei verdrehte er sich ausgerechnet das ohnehin schon lädierte Knie und konnte anschließend kaum laufen.
Im ersten Moment schien Russland in weite Ferne zu rücken, doch dann ging es weiter, wenn auch langsamer. Wir suchten und fanden den Busbahnhof doch kein Bus fuhr mehr nach Rzepin. Also nahmen wir uns ein Taxi zur nächsten Bahnstation. Dort fuhr sehr spät erst ein Zug. Also nahmen wir wieder ein Taxi, diesmal bis Rzepin. Vorher wurde mit entschlossener Miene über den Preis verhandelt, was gewaltige Prozente an Ermäßigung einbrachte.
Am Bahnhof in Rzepin hilft uns ein freundlicher Pole, eine Fahrkarte nach Suwalki an der litauischen Grenze zu kaufen. Wir warten in der Bahnhofsgaststätte und fahren dann mit dem Zug los. Da es schon recht spät ist, schlägt Wolfgang vor, in Polen noch einmal Station zu machen. Er sendet einige SMS ab, erhält kurz darauf selbst eine und wir steigen in Kutno in einen Zug nach Łodz um. Da der Zug unterwegs auf eine Nebenstrecke umgeleitet wird wegen eines Unfalls wohl dauert es sehr lange, bis wir in Zgierz, kurz vor Łodz, endlich aussteigen können.
Wir werden SMS sei Dank ! schon von Woitek erwartet, ins Auto verfrachtet und landen schließlich im Eigenheim von Monika und Woitek Soska in Grotniki, einem Villenvorort von Lodz. 
Es gibt einen netten Abend, einen gesunden Schlaf und ein äußerst opulentes Frühstück, bevor wir wieder von Monika nach Kutno chauffiert werden.
Weiter geht die Fahrt nach Suwalki. Unterwegs philosophieren wir, ob wir uns ein Zimmer nehmen oder in Richtung Grenze marschieren und uns in die Büsche schlagen sollen.
Die Entscheidung wird uns vom Wetter abgenommen, denn als wir abends aus dem Zug steigen, gießt es wie aus Kannen. Eine freundliche Dame fährt uns unter Wolkenbrüchen zu einem Hotel, dem Lehrerhaus, das aber kein freies Zimmer mehr hat. So müssen wir noch einmal hinaus in den Regen, der kaum noch abfließen kann. Wir finden ein anderes Hotel, bekommen dort auch ein Zimmer und gehen wieder hinaus in den jetzt nachlassenden Regen, nur um festzustellen, dass alle die Lokale, in denen wir hätten essen können, inzwischen geschlossen sind oder gerade schließen. So versorgen wir uns in einem 24h-Laden und begeben uns auf unser Zimmer. Wir sind schon weit für wenig Geld an St. Petersburg herangekommen!
Am nächsten Morgen geht es weiter zum Busbahnhof und mit dem Linien-Bus zur litauischen Grenze. Dort wird Geld gewechselt und dann die Grenze überquert. Es wird schon eine Verbindung nach Marjampole oder Kaunas geben! Zu unserem Glück vergisst Wolfgang seine Bärenabwehrwaffe (Pilgerstab) in der Wechselstube und muss noch einmal zurück. Nach relativ langer Zeit ich wundere mich schon winkt er mir, ich solle auch zurückkommen. Er hat an der Grenze einen Bus gechartert, der direkt nach Tallinn fährt (Linienverkehr, aus Stuttgart kommend), der uns für 25 pro Nase mitnimmt. Alle Sorgen für die Anfahrt nach St. Petersburg sind wir los.
Gegen 23.00 Uhr erreichen wir Tallinn. Unsere Busbegleiterin hat uns bereits unterwegs informiert, dass wir dort gleich einen Anschluss nach Sankt Petersburg haben werden.
In der Tat steht bereits ein Euro-Liner nach Russland bereit. Doch als wir einsteigen wollen, stellt sich heraus, dass die Plätze bereits restlos ausverkauft sind. Es ist nichts zu machen! Wir sind die Dummen und sehen den Bus ohne uns entschwinden.
Ein Anruf bei unserer Busbegleiterin bringt uns die Information ein, dass um Mitternacht ein weiterer Bus einer lettischen Firma nach Sankt Petersburg fahre. Der taucht in der Tat gegen 23.30 auf. Diesmal wird sofort beim Fahrer nachgefragt: leider ist auch dieser Bus ausverkauft. Enttäuscht sehen wir den Fahrgästen beim Einsteigen zu. Eine Person, die offensichtlich schwer betrunken ist, wird abgewiesen. Dann aber geschieht ein Wunder: Der Busbegleiter, dem Wolfgang schon Trinkgeld signalisiert hatte, fordert uns auf, unser Gepäck einzuladen! Offensichtlich sind gebuchte Fahrgäste nicht erschienen. Wir steigen ein und zittern, bis es endlich los geht. Wir hätten uns in Tallinn sonst ein Zimmer nehmen müssen und man weiss ja, was so etwas um 24 Uhr kostet.
Am frühen Morgen sind wir in Sankt Petersburg.
Nun müssen wir erst einmal Geld beschaffen, da wir noch ein gutes Stück vom Zentrum entfernt sind und die Metro zwar sensationell billig, aber eben doch nicht umsonst fährt. Die Wechselstube, vor der wir stehen, hat noch zu. Also versuche ich es mit dem Automaten. Das ist nicht ganz einfach mit der kyrillischen Schrift. Ich bekomme es aber dennoch hin! Denkste der blöde Automat akzeptiert meine Karte nicht.
Also bleibt uns nur das Warten auf die Öffnung der Wechselstube. Die akzeptiert allerdings kein polnisches Geld und die letzten Euro habe ich für den Bus verbraten. Wolfgang hat noch Euro und so können wir Metro-Chips erwerben. Die wirft man in einen Schlitz an der Sperre, worauf eine Person durchgelassen wird. Man kann dann so lange im Untergrund herumfahren, wie man will. Beim Verlassen der Metrostation gibt es keine Sperre mehr. Man kann aber trotzdem nicht Schwarzfahren, weil von dort nur die abwärts laufende Rolltreppe erreichbar ist. Und wer möchte schon eine 300m lange Rolltreppe gegen die Laufrichtung benutzen? (Unten sitzt zudem eine Aufsicht, die einen postwendend zurückschicken würde.) Die Metro wurde nämlich u n t e r dem Sumpf angelegt, auf dem Sankt Petersburg erbaut ist. Sie sollte wohl auch als Bunker zum Schutz gegen Nuklearwaffen dienen.
Wir fahren zunächst zum Newskij-Prospekt, der Prachtstraße. Ich will gleich einige Sehenswürdigkeiten ansteuern, aber Wolfgang will erst eine Unterkunft. Im größten Buchladen der Stadt (Dom Knigy) finden wir einen Internet-Computer, der sogar kostenlos benutzt werden kann. Allerdings wird nach 20 Minuten gnadenlos abgeschaltet. Die Zeit genügt uns aber, um ein günstiges Hostel in gar nicht so großer Entfernung zu finden und auch gleich online zu buchen. Einen Stadtplan finden wir gleich im Dom Knigy und so können wir unser gebuchtes Hostel mit dem deutschen Namen Ertel ansteuern. Es stellt sich heraus, dass die Entfernung doch etwa 2km beträgt (das ist dennoch nah). Dort ist es einfach und sauber. Wir finden für diese Nacht nur Aufnahme im Schlafsaal, aber es gibt eine Möglichkeit, unser Gepäck einzuschließen. Der Gründer der Herberge war übrigens in der Tat ein Deutscher oder jedenfalls Deutschstämmiger, wie wir erfahren.
Wir verlassen unsere Unterkunft nun ohne Gepäck und Essen gleich nebenan einen Borschtsch (Kohlsuppe mit viel Roter Bete) und trinken ein Bier. Dann sind wir bereit zur Besichtigung der Stadt.
Erst geht es den Newskij-Prospekt entlang, der vor Leben birst. Man sieht erheblich weniger Bettler und ärmlich gekleidete Leute, als ich das bei meinem ersten Besuch erlebt hatte. Nur vor der Kasaner Kathedrale, die mit ihrem arkadengesäumten Vorplatz und der Kuppel dem Petersdom nachempfunden ist, stehen noch einige ältere Frauen, die Heiligenbildchen verkaufen allerdings mit einem Verkaufstischchen und nicht mehr auf dem Boden kniend, wie das vor Jahren noch üblich war. Die Straße quirlt jetzt vor Leben fast wie bei uns im Advent. Auch der Verkehr auf der Straße hat enorm zugenommen und die stinkenden Altfahrzeuge haben neue, geruchsneutralere Motoren bekommen bzw. sind westlichen Modellen gewichen.
Ich biege schließlich nach rechts ab in eine nicht sonderlich auffällige Straße, die schräg in einem hohen Torbogen zu enden scheint. Ich lasse Wolfgang vorausgehen, weil ich weiß, dass man am Torbogen plötzlich vor dem Winterpalast steht ein geradezu überwältigender Anblick.
…und schon in Russland!

Sankt Petersburg: vor dem Winterpalais
Winterpalais von der Nevabrücke aus
Am Winterpalast vorbei laufen wir zur Newa und über die Newa-Brücke. Wo sich der Fluss gabelt, an den Strelka-Säulen vor der alten Börse, wimmelt es von Hochzeits-Gesellschaften, die dort traditionellerweise ein Hochzeitsfoto schießen müssen. Überall liegen leere Sektflaschen herum. Aus großen Lautsprechern ertönt die passende stimmungsvolle Musik und mitten im Fluss tanzen Fontänen, die vom Rhythmus der Musik gesteuert werden. Ständig werden neue Brautpaare in weißen oder rosafarbenen 10 bis 15 m langen Pullmann-Lomousinen angefahren. Warum? 7.7.2007!!!

Alterssexualität…machte vor 20 Jahren mein früherer Chef E.T.
schon im Schlosspark von Versailles…Klassenfahrt

Fastfood – in Russland angekommen

Schwierigkeiten mit der russischen Schrift
Schade, dass wir keine Zeit haben, die Eremitage von innen zu besichtigen, aber dazu reicht ein ganzer Tag ohnehin nicht.
Am nächsten Tag ist eine Besichtigung des Großen Katharinenschlosses in Zarskoje Selo auf dem Programm. Wir laufen den Newskij in südliche Richtung, frühstücken ausgiebig in einem Cafe und fahren dann mit dem Zug bis zur Station Detskoje Selo. Die ca. 2km bis zum Schloss gehen wir zu Fuß.

Katharinenpalast in Puschkin

Im Schloss. Wo geheizt wurde, war Delft.

Immer wieder Katharina die Große
Das Schloss ist wirklich umwerfend eine der großartigsten Sehenswürdigkeiten Europas, wie ich finde. Wir sehen auch das Bernsteinzimmer. Heimlich fotografiere ich, aber die Aufnahmen sind nicht zeigenswert. Am meisten beeindruckt mich nach wie vor die blau-weiß-goldene Fassade und der riesige schwarz-goldene schmiedeeiserne Zaun davor.
Im Park treffen wir immer wieder zufällig auf unsere neuen Bekannten und trinken mit ihnen schließlich noch dort ein Bier, während nebenan eine Hochzeitsfeier vorbereitet wird.
Schließlich gehts zurück nach Sankt Petersburg. Heute wird ein wenig einfacher gegessen. In einigen Läden der Umgebung kann man rund um die Uhr einkaufen.
Am nächsten Morgen gehts noch einmal zur Auferstehungskathedrale. Wir lassen uns dort mit Peter dem Großen und seiner Gattin ablichten. Theaterleute verdienen sich so etwas Geld.
Anschließend besuchen wir noch einmal das Dom Knigy, wo wir die letzte Gelegenheit nutzen, ins Internet zu schauen und eine hochauflösende Karte kaufen.
Dann fahren wir mit der Metro bis zur Endstation im Südwesten Sankt Petersburgs. Nachdem ich mich in einer Apotheke noch mit Heftpflaster versorgt habe, beginnt der Fußmarsch in Richtung Estland.
Bis zur eigentlichen Stadtgrenze sind es noch 20km. Wir laufen durch eine breite Straße mit endlosen Reihen von Plattenbauten, biegen nach links ab und sehen wieder endlose Reihen von Plattenbauten. Schließlich eine weite, kaum bebaute Fläche. Die Straße führt als reine Autostraße über eine Eisenbahnstrecke, während der Fußweg sich immer weiter von ihr entfernt und an der Eisenbahn bei einem Kriegsdenkmal zu enden scheint. Es stellt sich jedoch heraus, dass man unter der Brücke auf die andere Seite wechseln und dort mittels einer Treppe doch noch auf die Brücke gelangen kann.
Am anderen Ende des Hindernisses angelangt, finden wir an einer Bushaltestelle einen Kiosk und beschließen, eine erste Rast einzulegen. Ich kaufe am Kiosk eine große Flasche Kwass, bekomme aber eine kleine. In dem Bemühen, das Adjektiv groß durch eine Geste auszudrücken, zerlege ich ungeschickterweise die Kioskeinrichtung, bekomme aber doch eine große Flasche, die uns bis Narva als Wasserflasche begleiten wird.
Weiter geht es durch eine Gegend, die von Datschen oder hölzernen Einfamilienhäuschen geprägt ist. Dort finden wir eine öffentliche Wasserpumpe, aus der wir unsere Flaschen auffüllen. Dann erreichen wir wieder eine Plattenbausiedlung. Irgendwo hier wollten wir die M11 verlassen, um über eine kleinere Straße mit weniger Verkehr zu laufen. Sicherheitshalber erkundigen wir uns bei zwei jungen Uniformierten, die selbst einige Schwierigkeiten im Umgang mit der Karte haben. Sie zücken eine eigene Karte und schenken sie uns, nachdem sie unseren Standort markiert haben.
Wir biegen ab und kommen nach weiteren zwei Kilometern endlich aus der Stadt heraus. Am Stadtrand kaufen wir Obst ein und legen wenig später eine weitere kurze Rast ein.
Außerhalb der Stadt wechseln Wiesen und Waldstücke einander ab. Nach kurzer Zeit taucht zu unserer Linken ein militärisches Gelände auf, das aber nicht mehr genutzt wirkt. Alles sieht ein wenig heruntergekommen aus. Interessanterweise ist diese Militärische Anlage nicht auf der Karte zu finden. Eigentlich wollten wir hier schon nach einem Platz für die Nacht suchen, entscheiden uns aber angesichts dieser Nachbarschaft anders und gehen noch einige Kilometer weiter. Erst in gehöriger Entfernung kurz vor einem kleinen Ort beginnen wir mit der Suche nach einem Nachtlager.
Die Suche gestaltet sich nicht ganz so einfach wie gedacht. Auf beiden Seiten der Straße findet sich ein breiter Brachstreifen, oft noch gesäumt von einem Graben. Dahinter reiht sich eine meist dichte Hecke entlang der Straße. Wir können nur dort auf die dahinter liegende Wiese gelangen, wo wir eine Zuwegung für landwirtschaftliche Fahrzeuge finden. Da wir nicht gesehen werden wollen, warten wir einen Zeitpunkt ab, zu dem kein Auto auf der Straße zu sehen ist. Auch das kommt nicht so häufig vor, weil die Straße über lange Strecken schnurgerade verläuft.
Irgendwann gelingt es uns, ungesehen hinter die Hecke zu verschwinden. Der Boden ist aber so wellig, dass man darauf nicht gut schlafen kann. So wandern wir noch einige Zeit hinter der Hecke entlang, bis wir schon in Sichtweite eines Dorfs auf eine Seitenstraße stoßen. Dort entdecken wir einen Weg, der zu einer Buschinsel mitten im Acker führt, die uns gegen Sicht gut abdecken könnte. Wieder verschwinden wir unauffällig. Hinter dem Gebüsch ist der Boden recht flach, aber leider auch von Müll aller Art bedeckt. Egal, das muss jetzt reichen!
So bauen wir das Zelt auf und übernachten auf der wilden Müllkippe. Zum Glück ergeben die hoch gewachsenen Wildkräuter eine gute Grundlage fürs Zelt.
DANKE MICHAEL FÜR DEN BERICHT! NACH DEN ERSTEN FOTOS FOLGT DANN MEIN CHRONOLOGISCHER BERICHT VON DER GESAMTEN PILGERREISE VON PETERSBURG NACH PADERBORN UND WEITER ZU MEINEM HAUS IN BRILON-ALTENBÜREN:
WIE KAMEN WIR NACH SANKT PETERSBURG? jetzt geht es schwarz auf weiss weiter:
Von Rzepin aus geht es dann auf Umwegen bis Suwalki, dort bei wolkenbruchartigen Regengüssen in ein Hotel. Am nächsten Morgen mit dem Linienbus bis zur litauischen Grenze. Dort steigen wir in einen Euroliner/Bus und fahren bis Tallin. Um 24 Uhr dürfen wir als letzte Personen in einen estnischen Bus klettern, zahlen zusammmen 50 Euro und sind um 7.30 h in St. Petersburg. Der Geldtausch erweist sich als kompliziert, aber bald sind wir versorgt und finden auch über das Internet ein preiswertes Hostel. Zwei schöne Tage folgen in St. Petersburg / eine herrliche Stadt. Am 7.7. starten wir zu unserem fast 200 km langen Marsch nach Estland. Später davon mehr. Einen Überfall und viele viele nette menschliche Kontakte inbegriffen!
Wolfgang und Michael
war endlich Abmarsch in Sankt Petersburg. Das Hostel Ertl war uns eine nette Unterkunft , fast im Zentrum gelegen. Die Herbergsleute aufmerksam und gefällig. Die Stadt dünnt sich zusehends aus und wir erwecken die Aufmerksamkeit vieler Leute. Jeden Tag werden etwas über 30 Km gelaufen und am 12.7. passierten wir die Narva und befinden uns nun in Estland. Ich kam gerade kurz an einen PCdenn die Neugier unserer Freunde ist doch sehr gross: wo stecken die eigentlich und wie haben sie es gepackt?
Viele Grüße Wolfgang und Michael
(
Bezahlfiguren in Petersburg. Sollen Peter den Grossen und seine
Frau Gemahlin darstellen. Die Jungs haben Ideen, sowas muss man
hier unterstützen
Ausmarsch aus St. Petersburg, noch pralle Bäuche, Michael wird
seinen wohl behalten müssen, ätsch!

Pflichtbild vor der Auferstehungskirche

In jedem Ort findet sich mindestens ein Denkmal, das an die Belagerung
Leningrads (1941 – 1944) erinnert.

Trinkwasser findet sich häufig am Straßenrand. Wir bedienen uns
aus öffentlichen Pumpen.

Die Wiesenpflanzen überragten das Zelt. Ein wenig befürchteten
wir frühmorgendliches Mähen.

Rast an der Grenze des Rayons Kingisepp.
Danke Michael für die Berichte. Hier will ich mich jetzt enklinken und eine chronologische Darstellung versuchen, wie sie auf der folgenden Reise beibehalten werden soll:
CHRONOLOGISCHE AUFLISTUNG NACH TAGEN UND KILOMETERN, VERSEHEN MIT DEN ERLEBNISSE UND FOTOGRAFIEN DER GESAMTEN PILGERREISE VON ST.PETERSBURG (8.7.2007) NACH PADERBORN UND ZU MEINEM WOHNHAUS IN BRILON-ALTENBÜREN (19.12.2007)
1. Tag
Sonntag, 8.Juli 2007, 29 km
Sankt Petersburg – 5 km vor Jalgelewo, heiss
Nicht weit von unserem Hostel steht die Auferstehungskirche. Dieses eigentlich typisch russische Bauwerk ist in seiner Form einmalig in St.Petersburg. Man wollte sonst betont westlich bauen. Wir machen unsere obligatorischen Bilder vor diesem bekanntesten Bauwerk der Stadt. Stefanie Boxberger hat es ja auch auf meiner Karte plaziert. Zwei junge Leute stehen in hostorischen Theatergewändern vor der Kirche und bieten den Touristen an, sich mit Peter dem Grossen und seiner Gemahlin mit dem eigenen Apparat ablichten zu lassen. Nach diesen Pflichtfotos geht es aus der Stadt hinaus. Eine Frau mit Kinderwagen ist ganz verdutzt, als wir ihr 3 Ubahnmünzen schenken. Die Stadt dünnt sich nur sehr langsam aus. Mietskasernen über Mietskasernen. Wir laufen praktisch die Strecke ab, die im 2. Weltkrieg die Hauptangriffs- und Hauptverteidigungslinie war. Bezeichnend die Region: General -Schukow- Projekt. Wir passieren viele Denkmäler. Logo!
Mike, sockenloser Sandalenfreund, Kaffeefan, Herzinfarkt hinter sich, schon mehrere
Male in Russland gewesen. Kennt sich mit der kyrillischen Schrift aus.
Hallo – Germanski, guten Morgen!
Die Leute sind zu uns beiden Exoten sehr freundlich. Sogar dann, als Michael mit seiner Kwas-Flasche die liebevoll aufgebauten „Türmchen“ um die Kioskluke zum Einsturz bringt. Michael ist übrigens immer bemüht, mir für russische Eigenarten die Augen zu öffnen. Er hat Russlanderfahrung. Irgendwann ist er hier einmal mit seinem VW-Bulli herumgekurvt. Dieses Kwas hat allerdings eine sehr blähungsfördernde Wirkung. Jedoch, wie sagt immer mein Freund Wolfgang P: Wer so spricht, lebt noch! Oder mir Bayern: Wann’s Arscherl brummt, ist’s Herzerl g’sund! Die Ästheten mögen mir verzeihen, aber für diese Handlungen gibt es im Deutschen nur handfeste Ausdrücke. Oder sagen sie etwa: Wolfgang, ich gehe eben einmal urinieren, entstuhlen, entlüften…Jedenfalls, als Michael wg. dieser Sachen verschwunden ist und ich in einem Bushäuschen warte, setzt sich ein russischer Bauer neben mich, öffnet eine Flasche, läßt mich daraus trinken und schenkt sie mir. Wein, süss, 16 %. Mit Händen und Füssen verständigen wir uns. Schenke ihm meine unterschriebene Karte. Was freut er sich! Ich mich auch.
Ein paar Kilometer weiter haben wir Probleme mit der Orientierung. Meine Wanderkarte beginnt erst etwas weiter. Zwei junge Burschen schenken uns ihre Karte. Weiter geht es! Nach 29 Kilometer suchen wir einen Lagerplatz. Es wird wegen der Nordlage überhaupt nicht dunkel. Da, ein kleines Wäldchen mitten in einem Feld. Es stellt sich allerdings als Felsbrocken-, Steine-, Bauschutt-und Matratzendeponie heraus. Aber wir sind fertig und wollen nicht weiter. Am Rande schlagen wir das Lager auf. Ich verzichte auf meine „Hundehütte“ und schlafe in Michaels grossem Zelt. Nicht auszudenken, was passiert, wenn er nachts nach seinem Infarkt Herzprobleme bekommt und ich im Nachbarzelt friedlich schnarche. Gut geschlafen.
Gefährliches Zeug!! Ätzend, kilometerweit. Bloss nicht berühren!!
KÖRPERLICHE VORBEREITUNG AUF DIE REISE
Vor keiner meiner Pilgerreisen habe kein gezieltes Training durchgeführt. Ich bin einfach losgelaufen. Meine Lebensweise bezeichne ich als „normal“. Ich esse und trinke gerne. In Gesellschaft auch Alkohol, Bier, wie man auf der Reise sehen kann…Alleine nur Rotwein oder Portwein des Abends ein Gläschen. Ich bin seit über 10 Jahren Mitglied in einem Fitnessklub und nutze dort sehr regelmässig vor allem die Sauna. An den Geräten trainiere ich nicht mit tierischer Verbissenheit (wie so manche Senkrechtstarter, die auch bald wieder unten sind!), sondern lasse es locker angehen. Ich liebe vor allem die angebotenen Trainingszirkel, die wissenschaftlich fundiert, die meisten Muskeln aktivieren. Seit 20 Jahren habe ich einen nachgewiesenen Bandscheibenvorfall, der sich nicht meldet.1984 hatte ich vom Fussballspielen eine schwere Weber-C-Fraktur am linken Bein und 2006 brach ich mir das linde Wadenbein. Kurz vor der Abreise nach Petersburg , meldete sich operativreif mein rechtes Knie, was dann aber nach den ersten hundert Kilometer „repariert “ war.- Ich versuche mich abzuhärten indem ich überheizte Wohnräume meide und lieber einmal eine Strickjacke überziehe. Das geschieht nicht aus Sparsamkeitsgründen! Meine Kleidung passe ich der Aussentemperatur an; d. h. keine Pelzjacke bei -2 Grad. Was will man sich dann eigentlich bei -10 Grad überstülpen…? Mein Auto hat keine Klimaanlage, ich würde sie auch ausschalten. Von Ernährungsplänen halte ich nichts, ich esse das dann besonders gerne, was mir mein Körper über den Geschmackssinn signalisiert. Ich trinke regelmässig Milch und verschmähe Butter nie! Ich frühstücke jeden Morgen in Ruhe und halte, wenn möglich, regelmässigen Mahlzeiten ein. Meine Lebenseinstellung ist positiv und ich sehe in meinen Mitmenschen immer erst das Gute. Neid überlasse ich den Sozis. Ich lebe nach der Pfadfinderregel: Der Pfadfinder lebt sparsam und einfach.
2. Tag
Montag, 9. Juli 2007, 30 km
vor Jagelewo – kurz vor der Europastrasse (E 20), heiss
Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, als ich gegen 6.30h das Zelt verlasse: Auf dem Feldweg hat Michael seine Kaffeebar aufgebaut. Fünf Pötte, Thermoskanne, 500g Jacobs Classic, Benzinkocher, Benzinflasche, Wasserflasche, Trinkbecher… Das schleppt der alles mit sich herum? Ich dachte M. habe Outdoorerfahrung! Zur Rucksackkontrolle ist es jetzt zu spät. Das wiegt ja alles!! Nur, den Kaffee trinke ich natürlich gerne…
Früh sind wir unterwegs. Wieder eine Denkmal. Panzer oben drauf! Einem vorbeikommenden Russen male ich T 34 mit dem Pilgerstock in den Sand. Er nimmt ihn, streicht durch und kratzt TK 8 auf den Boden.Aha, ich kenne mich offensichtlich mit diesen Dingern nicht aus, die hier still auf Sockeln dahinrosten.- Milch, Kefir und Bananen werden eingekauft. Geschäfte sind hier nicht als solche auszumachen. kein Werbeschild. Unverputzte Flachbaue. Kommunistische Versorgungsschuppen. Michael klärt mich auf. Wir müssen schon fragen: Magassssinnnn???
M. isst und trinkt wenig. Prompt kommen dann auch Seiten- und Rückenstiche. Um 18.30h suchen wir einen Lagerplatz und finden ihn in einer herrlichen Wiese mit fast mannshohem Grass. Dass sich Tausende von Fliegen unter dem Vorzelt einnisten werden, konnten wir nicht wissen und verhindern. Sie mögen das Material und die Farbe. Ins Zelt kommt keine! Erst gegen 22h muss ich eingeschlafen sein.

Die hölzerne Rechenmaschine bedient sie zuerst, dann erst die digitale.
Ein Leben für den Kaffee: Michaels Kaffeebar.Erst
vor Monaten dem Teufel von der Schüppe gesprungen:
Hinterwandinfarkt.Die Wanderung tat ihm gut.
Gleich schlägt die Pfote zu!
3. Tag
Dienstag, 10.Juli 2007, 31 km
vor der E 20 – E 20 Feldlager links der Strasse, heisser Tag
Kein Kreiselmäher weckt uns … um 6h, sondern mein Handy. Das Gras ist noch feucht und wir beschliessen in der nächsten Bushaltestelle zu frühstücken. Die Fliegen lassen sich nicht entfernen und Michael packt sie einfach mit ein!!!Wieder mehr Gewicht! Nach 20 km erreichen wir die E 20 und somit auch Versorgungseinrichtungen wie Cafe’s und Magazine. Bei Seltscho finden wir ein Cafe, das wir reichlich ausnutzen: Rasieren, Hemd waschen, 8 Kaffee und etliche Teilchen bestellen. Die Rechnung ist entsprechend:; 816 r.Wir beide sind die Sensation im Cafe. Da stürmen 2 Fussgägnger …sowieso undenkbar…herein, kaufen das halbe Cafe leer, der eine sitzt im Unterhemd, während sein Hemd draussen in der Sonne trocknet, der andere hat nur Latschen an und trinkt einen schwarzen Kaffee nach dem anderen! jetzt bestellen sie auch noch Solanka und später dann Pieroggen… nein, nein.Geld müssen die haben…Es ist lustig mit den beiden Girls hinter der Theke!
Wir wären ja so gerne noch geblieben, aber der Wagen der rollt…Am Strassenrande vor ihren Häusern, sitzen Frauen, meist Omas, vor einem kleinen Tischchen,auf dem ein paar Kartoffeln, eine Tasse mit Himbeeren, Zwiebeln etc. liegen und warten auf Käufer. Wir ver-
sorgen uns in den Magazinen, die ein gutes Warenangebot haben. Ich trinke viel Molkereiprodukte und damit sind die Magazine gut ausgerüstet.
Funktionshemd im Spülstein gewaschen. Hemd trocknet draussen im Wind, die Mädels
haben Spaß.- Die Ausstattung will den Kunden auch erfreuen, nicht nur versorgen.
Noch vor 10 Jahren undenkbar!
Oma sitzt den ganzen Tag am Strassenrand. Privater Marktstand. Russische Dörfer
in Estland erkannte man daran.
„Überfall?“ Wir haben das Beste daraus gemacht!
Da die Menschen bisher immer freundlich waren, hatten wir keine Veranlassung Vorsicht walten zu lassen. Beim Ausmarsch aus einem grösseren Ort, im Schatten von Hochhäusern, sprechen uns drei junge Erwachsene an. Das Übliche. Da wir sowieso Pause machen wollen, setzen wir uns hinter einer Hecke ins Gras. Die drei kommen mit. Ich schenke einem meine Karte und er bittet mich, ich solle ihm auf der Mundharmonika etwas vorspielen. Ich spiele ihnen den „Kleinen Trompeter“ vor, weil sie das Lied seit dem Kindergarten kennen. Als der Bursche meine Karte achtlos zerknüllt, blase ich zum Aufbruch. Achtung, Michael! Rücken frei halten usw. Da ich den Rucksack gar nicht abgelegt hatte, bin ich sofort reisefertig. Auf einmal,wie aus heiterem Himmel, reisst mir der Kartenknüller blitzschnell meine Handytasche auf, um an das Handy zu kommen. Mit meinem widiabestückten, geweihten, eschenen, auf 11000 km bewährten, mit der Papst- Czestochowa- Medaille bestückten Pilgerstab hatte er wohl nicht gerechnet. So ein Gerät wird ja nach solchen Märschen zum verlängerten Arm und zur gefährlichen Waffe! und ausserdem nimmt man einem Wahlbayern in Lederhose auch nicht so schnell ein Handy weg! Kurze Drehbewegungen und ich war frei und lachte die drei herzlich an oder aus, klappte meine Mundharmonika hoch und spielte „Auf du junger Wandersmann“ im Weggehen. Wie angewurzelt standen die Typen da. Sowas war ihnen wohl noch nie begegnet. Michael hatte das Ganze Theater aus 20 m Entfernung nur wage registriert und dachte sich nichts Böses, da ich ja lachte… Nach 200 m musste er dann meine zerrissene Lederweste fotografieren, die Nähstunde folgte am Abend. Typisch für Russland!, mögen jetzt einige sagen. Nein! So etwas kann mir in Hamburg und Berlin genauso passieren! Plattenhäuser, keine Arbeit, herumlungernde Arbeitslose- ein Handy ist schnell zu Geld zu machen. Danke mein Stock! Ultreia.-
Um 18.30h, das ist immer unsere Zeit, finden wir vor einem grossen Feld einen hübschen Lagerplatz. Abendessen. Putz- und Flickstunde. Auf schönen Stich wird nicht geachtet. Eva aus Gliwice würde graue Haare bekommen.
Alles noch lustig. Eine Minute später…Überfall auf mein Handy. Nicht gekriegt!
Am Abend wird die Lederweste repariert.
4. Tag
Mittwoch, 11.Juli 2007, 33 km
Europastrasse 20, Waldlagerplatz, heisser Tag
Wieder sind die Fliegen (oder noch?) im Aussenzelt. Michael meint es wären 1200, ich schätze sie auf 12000! Gefrühstückt wird an einem Kiosk, den zu früher Stunde schon ein paar nicht ganz Nüchterne belagern. Nett sind sie -aber betrunken. Ich gebe von meinem Wurstbroten eines ab. Es wird dankbar angenommen. Aber erst das flüssige Brot, dann meines. Es ist offenkundig, dass in Russland die Frauen das Bruttosozialprodukt erbringen. Wenn ich etwas brauche, halte ich mich nur an die Frauen! Sie sind es hier die Fleissigen und Zerverlässigen.
Michael braucht Sprit für seinen Kaffeekocher, unter einem Liter keine Abgabe. Da er nur einen Viertelliter braucht, schenkt er einem verdutzten Russen den Rest. Heute abend werden den schönsten und letzten russischen Lagerplatz beziehen. Er liegt mitten im jungen Birkenwald mit herrlichen Ausblicken. Mein Körper braucht lange um sich zu beruhigen. Ich liege noch 3 Stunden wach.
Herrliche Farben. So kennt man Rußland
Explosive Naturkraft. Blick aus dem Zelt. Lagerplatz des Jahres.
5. Tag
Donnerstag, 12. Juli 2007, 39 km
Europastrasse 20 – Narva (Estonia), schwül – heisser Tag
Wir stehen um 5.30 Uhr auf. Wir wollen heute nach Estland hinüber! Kaffetrinken an der Bushaltestelle. Manche Busse wollen uns mitnehmen, wir winken sie weiter. Für kurze Zeit regnet es , um dann um so schwüler zu werden. Gut, dass wir so früh aufstanden. Nervend ist der Turm der Festung Narva. Er kommt und kommt nicht näher heran. Ich glaube 20 km vor Ivangorod sahen wir ihn schon. Heute sind wir geschlaucht! Vor der Stadt Ivangorod wird alles gestoppt und tröpfchenweise durch die Stadt an den Grenzkontrollpunkt gelassen. Wir müssen unsere Pässe zeigen und der Grenzer hilft Michael ins Geschirr. In Ivangorod gehen wir für die letzten Rubel essen und folgen dann einer Fussgängerin an den Grenzpunkt.
Von einem Zolloffizier werden wir sofort aus der Warteschlange herausgewunken und unsere Rucksäcke wandern in die „Röhre“, dann dürfen wir wieder zurück. Ich schenke ihm meine Karte. Nach kurzer Zeit kommt er zu mir, grüsst mich militärisch, reicht mir die Hand und dann muss ich seine Karte unterschreiben. Er tritt noch einmal in Aktion, als die Passkontrolldame andauernd meinen Pass durch die Maschine zieht. Flüstert ihr etwas ins Ohr und wumm, habe ich meinen Ausreisestempel. Ein Kenner der Szene sagte mir später, dass es für die Dame unvorstellbar gewesen sei, dass einer für ein paar Tage in Russland 140 für ein Visum ausgibt. Warum will der jetzt schon wieder raus….!?
Über die Brücke geht es nun nach Estland hinüber. Geld wechseln und – wir brauchen eine preiswerte Unterkunft. Auf dem Parkplatz nach der Grenze, steht ein ganzer Konvoi Wohnmobile.Keiner ist draussen zu sehen. Deutsche, Italiener, Briten, Holländer…Alles glänzende, luxuriös ausgestattete fahrende Hotels. Wir haben diese Konvois häufiger an uns vorbeifahren sehen. Unwillkürlich schaute ich, ob einer nicht ein schweres Maschinengewehr auf dem Dach montiert hatte… mit was für einer Einstellung besuchen diese Leute ein fremdes Land?! Es wirkt fast lächerlich.
Ein Taxifahrer fährt uns zu einem Hostel. Wir sind für heute ganz schön geschafft! Dennoch suchen wir später ein Restaurant auf. Gutes Essen, guter Wein, heisse aber friedliche Diskussionen.
Gestorbene Kirche? Aussen…
…und innen. Irgendwann wird sie wieder aufgebaut! Wetten dass?! Welche
herrlichen orthodoxen Rituale hat sie gehört und gesehen?
6. Tag
Freitag, 13. Juli 2007, 12 km
Narva, durchwachsener Tag
Michael hatte eine schwere Nacht und meint, er habe Herzprobleme. Ich bitte ihn, seinen deutschen Arzt anzurufen. Ersteinmal nicht!Wir erwandern uns Nava, vor allem die Festung. Sie ist gut restauriert und in einer Ecke haben sie die Statue von Lenin abgestellt, die einmal den wichtigsten Platz Narvas schmückte. Lenin in typischer Haltung, zeigt mit ausgestrecktem Arm nach Osten. Eine Rose auf dem Sockel.Die Festung ist sehens- und begehenswert. Im Burghof sind einige alte Handwerker am Schaffen. Eine Dame bitte ich, mir meine zerrissene Jacke zu flicken. Sie habe keine Nähmaschine hier, schneidet mir aber einen Lederfleck zu. Einen Sattler fände man immer. Heute gehen wir ins Deutsche Restaurant essen. Michael klagt wieder über Herzprobleme. Endlich ruft er seinen Arzt an, der ihn natürlich sofort zurückpfeift. Morgen geht ein Bus nachTallinn und von dort ein Flieger nach Hause.

„Good bye Lenin“! Abgestellt in einer Ecke der Festung Narva. Eine Rose
auf dem Sockel. Stand einmal auf hohem Sockel!Die Hand zeigt nach Osten.
Könnte mal wieder Unkraut gejätet werden! Denkmal für gefallene Rotarmisten.
7. Tag
Samstag, 14. Juli 2007, 11 km
Narva
Michael bringe ich zum Bus. Herzlicher Abschied mit der Bitte, mich auf dem laufenden zu halten.- Ich schaue mir noch einmal Narva genauer an, verpflege mich aber selbst. Unter meinem Fenster spielen sich die Vorfeiern einer Hochzeit ab. Ein grosses Kino!!! Viele rituelle Handlungen. Ich habe mir sagen lassen: Wenn die Leute auch noch so arm sind, aber Hochzeit muss mega sein. Da werden richtig Schulden gemacht!!
Im Hotelzimmer baue ich mein Zelt auf, damit es im Gelände keine Überraschungen gibt. Alles klar. Früh schlafen gegangen. Wie mag es jetzt alleine weitergehen? Ich bin ja geübt.Aber wie schon oft erfahren: You never walk alone…!

Endlich in Narva…..!!! Ausruhen im Hostel
Die Festung Narva erweist sich als eine Kombination von zwei Festungen links und rechts
des Narva-Flusses. Der Aufwand an Macht kontrollierte die Schätze die aus Nowgorod kamen!
Hier ein Blick auf die nun russische Seite.
Blick durch eine Schießscharte auf die schnurgerade Straße. Früh sah man wer da ankam!

… auf der wir immer den Turm der Narva-Festung im Blick hatten. Das
Holzhäuschen, das am Turm klebt, wirkte wie ein Plumpsklo in luftiger Höhe,
war aber wohl zur Verteidigung des Turmeingangs durch Wurfgeschosse gedacht.

Im inneren Burghof findet man mittelalterliche Handwerker.

Ein Lederflicken für Wolfgangs etwas ramponierte Weste wird angefertigt.

Unsere Unterkunft in Narva. Prima. Taxifahrer muss man fragen!
8.Tag
Sonntag 15.7.2007, 32km, bis Narva – Sillamä, viel Regen, gegen Abend trocken
Der Abmarsch von Narva ist ein Abmarsch wie aus jeder Grossstadt, es dünnt sich aus…An endloser Lastwagenwartekolonne vorbei, wobei viele Fahrer mir zuwinken, Infos haben wollen, mir Zigaretten anbieten, zu trinken geben, es ist ein einziges Gegrüsse von LKW zu LKW, die hier auf die Abfertigung warten. Es regnet. Obwahl sich das Laufen einfacher auf der Hauptstrasse gestaltet, versuche ich sie so schnell wie möglich zu verlassen. Das geschieht in Vodava. Ich laufe bis ans Meer und dann in einem Bogen auf SINEMÄ zu, einem der furchtbarsten Schlachtfelder des 2. Weltkrieges. 200.000 sollen hier gefallen sein. Die ganze Gegend ein Friedhof! Ein grosses Kreuz kennzeichnet einen Hügel. Überbette Soldaten? Dort treffe ich 2 deutsche Touristen, gute Unterhaltung.
Weitermarsch nach Sillamäe. Als ich zum Strand marschieren will, hält eine Dame mit Kind im Mercedes an. Sie will Infos, wir sprechen eine Weile miteinander und sie bietet sich an, mich zum einzigen Hotel der Stadt zu fahren. Ich stimme zu. Wenn ein Kind im Wagen ist, tue ich was ich sonst nicht tue! Das Hotel macht einen neuen aber düsteren Eindruck. Kein Zimmer frei. Ich bitte die Dame, mich wieder auf die Strasse nach Tallin zu bringen. Will noch einige Kilometer laufen und dann in die Büsche… Da kommt ein Campingplatzschild „Priits“ Campingplatz, ich habe es gut getroffen. Einfach aber herzlich. Einziger Gast und Priit heizt die Sauna an. Brauche kein Zelt aufschlagen. Im Haus sind genügend Betten.
9.Tag
Montag,16.Juli 2007, 8 km Priits Campingplatz, Ruhetag
Hier bleibe ich noch einen Tag! Priit hat das Land seiner Eltern wieder zurückerhalten und baut hier mit Liebe einen Campingplatz auf, der so viele reizende Detail aufweist, mit viel Phantasie in die Gegend gestellt, dass ich hier bleiben muss. Ausserdem umgibt Priit sich mit tausenden von Büchern die ihm die Menschen aus der Gegend bringen- Estische Literatur. Ich bin sein einziger Gast, wir verstehen uns sofort und ich müsse nichts bezahlen! Dafür gehen wir einkaufen und ich koche für den Abend ein Festmahl: Schweinebraten, Kartoffelknödel und Sauerkraut… Er lädt Gäste ein und spendiert eine Flasche Rotwein. Ein wunderbarer Abend, der im Teehaus endet.

Bei Priit in seiner freien Republik

Denn man Prost Priit
10.Tag
17. Juli 2007, 26 km
Priits Campingplatz – Nonnenkloster Kuremä
So geht es halt: Da musst Du unbedingt vorbei! In Kuremäe, einem orthodoxen Nonnenkloster, in dem der jetzige Patriarch von Moskau Vorsteher war. Um 18 Uhr müsse ich dort sein, da begännen die Feierlichkeiten. Ein brüllend heisser Tag. Eigentlich liegt K. von meinem Weg nach Tartu ab, aber ich mache es dennnoch. 17.34 h bin ich noch 2 km von Kuremäe entfernt. Auf offener Strecke halte ich einen Bus an. Der nimmt mich das letzte Stück mit. Kostet nichts, kann er nicht ausrechnen. Ich bin kurz vor 18h vor dem Kloster, wo sich schon viele Menschen eingefunden haben. Ich errege allgemeines Aufsehen…logo! Ich stelle mich ganz hinten in die herrliche Kirche und erlebe eine Zeremonie ohnegleichen mit Gesängen und Handlungen. Fast 4 Stunden, es wurde nicht langweilig. Zünde eine grosse Kerze für einen meiner besten Freunde, Johannes B., an, dessen Todesnachricht mich in Russland erreichte.
Schnell eine Geschichte über ihn: Im Sommer 1969 wollten wir den Nordwaldkammweg vom Arber bis nach Haslach in Oberösterreich gehen. Kein leichter Weg, da er immer wioeder ins Tal hinabführt. Es war für Johannes die erste Rucksackwanderung. Als meine Frau uns absetzte, hoch ich Johannes‘ Rucksack aus dem Kofferraum und stelle fest: der ist zu schwer.Es ging also an das Entsorgen: Hausschlappen weg, zweites Handtuch weg, Riesenglasflasche mit noch einigen Tropfen Rasierwasser weg, usw.. Am Ende fragte Johannes: Wolfgang sollen wir uns auch die Zahnbürste teilen…In Holzschlag blieb er in dem Berghaus zurück und ich besuchte meinen Neffen in Haslach. Als ich zurückkam merkte ich schon eine besondere Stimmung. Was war geschehen? Johannes hatte sich einen Ortkundigen gekrallt und den soweit gebracht, dass er mit ihm zum Stifterdenkmal robbte, das in der Tschechoslowakei nahe der Grenze lag. Und da kamen dann wohl bei dieser Aktion (Warn)schüsse von Osten über die beiden hinweg. Johannes hatte alles schon wieder vergessen, er sass seelenruhig auf der Veranda und las in Stifter’s Hochwald. Mach’s gut, alter Freund! Noch vor drei Wochen schmiedeten wir Pläne, wie wir uns Krakau ansehen wollen.
Seine Gedichte und Geschichtsgeschichten sind im Sauerland schon Legende.
Danke Johannes, für die vielen gemütlichen gemeinsamen Stunden und Reisen!!
Alle gehen nach vorne, lassen sich ein Kreuz auf die Stirne zeichnen und bekommen ein Stück Brot. Am Ende kommt eine Nonne extra zu mir und gibt mir ein solches. Ich verlasse die Kirche. Wo werde ich schlafen? der Himmel weiss es… Einer der Zelebranten kommt auf mich zu. Wir unterhalten uns über den Sinn meiner Reise. Wo bleiben sie heute Abend? Wir haben ein Haus. Ein Doppelzimmer teile ich mit einem jungen Mann, den ich dann morgens wieder in einer Kapelle treffen werde.Und Abendbrot ist auch noch da. Alles typisch russisch, das heisst kräftig und herzlich!

Kuremäe – ein unendlich besinnlicher Ort der Stille
11.Tag
18.Juli 2007, 37 km
Kuremäe- Kuru am Peipisee, sehr heisser Tag
Sie lassen mich nicht weg, ich müsse erst noch den Gottesdienst in der kleinen Kirche mit machen. Also gut! Um 11 Uhr in der Mittagsglut komme ich on the road. Wie man sehen wird, werde ich nicht die Hauptstrasse nach Tartu laufen, sondern den Weg am Peipisee entlang wählen.Gegen Abend laufe ich eine einsame Waldstrecke nach Kura, was schon am See liegt. 8 km nur Wald. Das stoppt ein Auto mit 3 netten Mädels. Woher wohin? Das Übliche. Sie hätten im Wald an einem kleinen See ein hübsches Camp und ich könne bei ihnen übernachten. Nachtigall ich muss dich nicht trapsen hören! Aber sicher ist, dass zu hübschen Mädels auch immer ein paar Kerle gehören. Ich gebe ihnen meine Karte, die mich glücklicherweise immer zu einem VIP macht. Ja, etwa 2 km auf der linken Seite geht es rein. Ich sage alles klar und überlege in einer Kurve wie ich ins Gebüsch verschwinden kann. Doch es zeigt sich keine geeignete Stelle. Also werde ich sagen, dass mich in Kuru ein Freund erwartet. Aber es zeigt sich niemand mehr und ich marschiere in Kuru ein und finde sofort eine nette Unterkunft bei Christis-Stogahüttenplatz. Kalte Dusche- was solls. Dafür frischer Lachs mit Kartoffeln! Kilo kostet hier frisch gefangen 2,5 Euro! Bleibe 2 Nächte.

Mittagsrast. Als ich lag, musste ich zur Kamera greifen!

Stoga bei Cristi. Alles neu. Holz duftet noch.
12. Tag
19.Juli 2007, 26 Fahrradkilometer, 8 km
Cristis Camp
Cristi leiht mir ein Fahrrad und ich erkunde die Gegend. See und Iisaku. Wieder durch den Wald zurück. Iisaku hat einen Supermarkt, gut sortiert, wie hier überall. Ein Wanderer kann sich mühelos verpflegen! Ein Kirchlein auf einem Hügel. Ich steige hinauf. Sieht protestantisch aus. Grasbewuchs auf den Wegen. Tür verschlossen. Ich rüttle, will mich schon wegbegeben, da geht die Türe auf und ohne dass ich ein Wort gesagt habe, sagt eine alte Frau „Bitte kommen sie herein, mein Herr“! Das war fliessendes Deutsch! Sehe ich so aus? Na ja die Lederhose vielleicht… aber. Ich werde hereingebeten. Auf der Orgel übt jemand das Largo von Händel, ist wohl eine Hochzeit angesagt.Die Bilder in der Kanzel hat er von Fotografien aus Oberammergau von einer hiesigen Künstlerin malen lassen.
Pastorentochter Judith. Pflegt die Kirche des einst nach Sibirien deportierten Vaters.
Die Bilder in der Kanzel sind Kopien von kleinen Bildern aus Oberammergau.
Ich lade die Dame zu einem Kaffee ein. Ja, da unten in dem lila Haus, aber sie könne nicht mitkommen. Ich bleibe hartnäckig. Ich sage ihr, dass ich sie dort unten erwarte. Fahre den Berg hinunter. Doch keine Dame kommt nach. Ich gehe zur Kirchtuere, sie ist und bleibt verschlossen. Ich will wegfahren, da sehe ich eine Dame, vornehm gekleidet in das Cafe gehen, das wird doch wohl nicht die Frau Judith sein…! Ich gehe ins Cafe, spreche sie an, tatsächlich, sie ist es. Blitzschnell verkleidet. Sie könne doch mit einem deutschen Herrn nicht in ihrer Putztracht ins Cafe gehen. Sie freut sich riesig, Bald sei sie 80, dass ihr das noch passierte.
13.Tag
20.Juli, 31 km
Kuru – Vilusi, sehr heisser Tag

Peipisee – im Winter fahre ich da noch einmal hin. Eisfischen.
14.Tag
21. Juli, 28 km
Vilusi bis vor Kodavere
15.Tag
22.Juli, 16km
vor Kodavere bis Kallastre, wahnsinnig heiss

Mitten im Wald: Komm Deutscher! Wir haben noch Wurst und Kartoffeln. Familie kommt
gleich mit Enkelkindern. 10 Leute.

Kallastre: Eintrag ins Gästebuch
Peipisee – Natur in voller Aktion
16. Tag
Montag, 23.Juli 2007, 21 km
Kallastre-Kolkja, mit dem Chorbus aus Braunschweig über Kuremäe nach Tartu, 
Omas Stickerei in einer estischen Kirche. Stimmt, woll! (Das war Sauerländisch).
Kallastre. Ich werde noch – so lange es geht – an dem schönen See entlanglaufen und dann quer auf der Höhe von Tartu mit dem Bus nach Tartu fahren. Ziel ist erst einmal Kolja, wo es ein gutes Fischrestaurant geben soll. Von dort dann mit dem Bus auf meine alte Strecke Tartu – Riga. Diese Zeilen schreibe ich in der Bücherei von Alatskivi. 8 km nach Kolkja. Ultreia, wieder so ein heisser Tag. Gut dass der See immer links dabei ist.
Schön ist die Welt, drum Brüder lasst uns reisen…!, vor allem als Fussgänger. Das Bild lassen wir mal so gross. Alte Leica 1956.
Im Wald am Peipisee entlang. Herrlich – aber für einen Fernwanderer zu umständlich!
Auf dem einsamen Weg von Alatskivi nach Kolkja hält wieder ein Auto, wendet und heraus steigen 2 junge Männer, danach 2 Frauen. Der eine kommt mit dem Fotoapparat auf mich zu und will ein Foto schiessen. Da er den Deckel noch auf dem Objektiv hat, mache ich ihn aufmerksam, dass er diesen tunlichst abnehmen soll Spiegelreflexkamera! Sie kommen auf mich zu. Ich bleibe leutselig wie immer, dabei alle Vorsicht!!! Nicht vergessend. Rücken frei, Stock fest in der Hand. Distanz. Sofort reiche ich ihnen meine Karte und kläre die Situation. Aha, so einer ist das. Ich grüss und gehe weiter. Vielleicht war ich doch für sie ein Weltwunder. In Kolkja soll das Restaurant sein. Hier wohnt – oder hat Zuflucht gefunden – eine christliche Sekte, die sie als „Altgläubige“ bezeichnen. Keine Werbung für das Restaurant, nur ein kleines Hinweisschild. Keine Werbung. Das stammt noch aus kommunistischer Zeit. Man will die Leute versorgen und ihnen nicht etwas verkaufen. In einer Nebenstrasse entdecke ich das nach westlichen Massstäben gute Restaurant. Davor ein Bus. Chorreise. Das Restaurant ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Nette Leute begrüssen mich. Ich darf an einem Tisch Platz nehmen, der noch einen freien Platz hat. Der estnische Reiseleiter bestellt mir ein Fischessen, ich mir ein Bier. Sie wollen über Kuremäe nach Tartu. Nun, das wäre was für mich! Brauche ich nicht den Linienbus zu nehmen. Bin sowieso schon weiter gelaufen als Mustvee-Tartu. Abstimmung unter den Sängern: ich darf mit. In Kuremäe werden die Nonnen Augen machen!! Der Kantoreichor gibt hier Konzerte, mit allerdings geringem Besuch, schade. Morgen soll in Tallin ein Konzert gegeben werden. Ich wünsche den netten Leuten Erfolg und gute Heimkehr. Gerne hätte ich ihr Konzert angehört, aber sie beschliessen am Morgen mich nicht mehr mitzunehmen. Ihr gutes Recht, man hat ja schliesslich viel Geld bezahlt, und dieser Zigeuner… Meine einzige Äusserung im Bus war wohl meine herumgereichte Karte und dass ich das Missfallen der Reiseleiterin erweckte, als ich das Buch von Herrn“Krakekeling…“ etwas in Frage zu stellen wagte, das sie eifrigst gelesen hat. Also, ich wäre dann vonTallin wieder mit dem Linienbus nach Tartu zurückgefahren. Das Konzert hätte mich schon interessiert: hätte auch zu meinem Thema gepasst. Doch, danke fürs Mitnehmen, obwohl das Trinkgeld für den Fahrer höher lag als das Ticket für den Linienbus.
In Kuremäe ist man hocherfreut mich wieder zu sehen und ich muss mehreren Nonnen erzählen wie das zustande kam. Bekomme sofort Tee und noch einmal Mittagessen …man hat mich in guter Erinnerung. Schön das zu wissen. In Tartu hatte ich eine Adresse eines Hostels: Pepleri 14, Studenti Village. Die Dame an der Rezeption ist wohl etwas konfus und sagt, dass sie keine Zimmer habe. Sie schickt mich zu einem netten und teuren Guesthouse, wo ich gut schlafe und auch noch ein Abendessen bekomme. Es war jedenfalls schon 22 h.

Gustav Adolf, Gründer der Universität Dorpat, heute Tartu. Eine
Nachbildung des zerstörten Denkmals. Besinnung auf die Wurzeln?
Dann muss es auch Dorpatensis über der Universität heissen und nicht Tarturensis!
17. Tag
Dienstag, 24.7.2007, 14 km
In der Stadt Tartu, ehedem Dorpat
Ein Glueck, dass mich der Chor nicht mitgenommen hat! Was ist Tartu/Dorpat eine schoene, kleine, huebsche, uebersichtliche Stadt. Ich bleibe noch einen Tag hier! Tallin kenn ich ja schon. Tartu-Dorpat ist Universitätsstadt – gegruendet von Gustav Adolf im Feldlager vor Nueremberg…Wie man aus Dorpatiensis Tarturensis machte bleibt dahingestellt, jedenfalls atmet die Stadt ein Flair, das mich noch in Riga und Thorn erwartet. Das Unigebaeude wird restauriert, ueberhaupt ist alles hier kraeftig am Schaffen. EG-Gelder fliessen offenkundig. Im Cafe Eduard-Oscar Wilde erhole ich mich schnell nach dem Rausschmiss aus dem Chorbus aha, ich weiss es jetzt!!! Meine durchschwitzte Lederkleidung stank zu sehr! Ich hatte ja einige Kilometer in ordentlicher Hitze gelaufen als ich den Bus traf. Entschuldigung!!Vor dem Cafe sitzen lebensgross Oscar und Eduard Wilde sich gegenüber. Eduard der grosse estische Schriftsteller und Druckereibesitzer und Oscar der grosse englische Schriftsteller. Einfach kombiniert. Man kannn sich dazwischensetzen was ich auch tue. Wie aufmerksam die Leute sind: Als ich nach einem Platz für meine Selbstauslöserkamera suche, kommt sofort eine Dame und bietet sich an, den Selbstauslöser auszulösen. Dass diese nicht mit der Kamera türmen geht, sah ich ihr an…
Links Oscar, rechts Gustav Wilde. Beide hatten etwas mit Geschriebenem zu tun. Der eine schrieb
der andre druckte. Pass dich oder ich fress dich!
Wie gesagt ist Tartu wunderschön und ich werde hierher wiederherkommen. Wohnte in 2 Hostels. 350 und 300 EEK. Einzelzimmer. Das zweite spartanischer. Differenz 50 EEK., Im Rathaus darf ich wieder an den PC. Die kennen mich hier schon wenn ich auftauche und die Heimat erhält die Berichte. Dumm waere es, sagt die Rezeptionsdame- wenn ich von Tartu über Valga nach Riga liefe. Ich verpasste den schönsten Teil Estlands. Ich solle nach Paernu fahren, um dann die Küste entlangzulaufen, dann könne ich immer baden; ausserdem sei die Strecke ruhiger und kleine Nebenwege möglich. So werde ich es also machen! Die nächsten Berichte erhaltet ihr von der Ostseekueste!
Die Esten und die Denkmäler
Seit dem Drama um ein sowjetisches Denkmal in Tallin, das man von exponenter Stelle der Peripherie zuordnete, wissen wir es alle: Die Esten sind Denkmalfans.
Schon in Narva hatten sie Lenin mit üblicher Zeigepose vom Hauptplatz entfernt und ebenerdig in einer Ecke der Zitadelle abgestellt.(s. Bild am 6.Tag!). Zeigerichtung gen Osten. Versetzen ist erlaubt – zerstören nicht, das ist einer Kulturnation nicht würdig. Und der Kommunismus hat Denkmäler systematisch zerstört! Ich selbst habe gesehen, wie man am Friedhof in Ratibor jedes deutsche Wort aus den Grabsteinen herausmeisselte, fein säuberlich. Stehen blieb nur das Lateinische, „geb.“ wurde auch weggemeisselt. Hier in Tartu hat man das Denkmal des Uni-Gründers eingeschmolzen, so dass jetzt eine Kopie Gustav Adolfs dort stehen muss und der schwedische König extra übers Meer anreisen musste um der Einweihung beizuwohnen… Dem Generalissimus Barclay knallte man eine farblich unpassende russische Tafel vor den Sockel- aber aus Marmor! Die anderen sind ausgemerzt. Nun tragen 90% aller Tartuer Denkmäler – so wollen wir die Stadt nun endlich weiterhin nennen – echte deutsche Namen: Morgenstern, Baer, Schmidt etc. Eine deutsche Inschrift habe ich bisher nirgendwo entdeckt. Also haben hier die Sowjets oder Esten auch ganze Arbeit geleistet! Also nochmal: versetzen darf sein. Zerstören nein.
Eine Russin, mit der ich auf das Denkmal in Tallin zu sprechen kam meinte, wie man ein Denkmal von tapferen Männern versetzen könne, die Deutschen lassen den T34 doch auch in Berlin in der guten Stube stehen! Ein Este meinte dazu: Wie können 14 Männer die grosse Stadt Tallin verteidigt haben…! Aber aus solchen Dingen entstehen grosse Streitigkeit – hier! Weshalb der ganze Osten offenkundig und nicht nur Estland ein Problem mit Denkmälern zu haben scheint. Freuen wir uns weiter, dass seit der Errichtung des Berliner Ehrenmals Schwalben im Kanonenrohr nisten und lassen wir die Zeugen einer Zeit in Ruhe, nur wo sie stehen, das sollte man wohl entscheiden können und dürfen!
18. Tag: Mittwoch, 25. Juli 2007, Tartu – Pärnu, (mit dem Bus), regnerisch, 10 km
Die Fahrkarte von Tartu nach Pärnu kostet 130 EEK, die Preise immer geteilt duch 15, dann bekommt man Euro. Die ganze Strecke fahren wir durch Wolkenbrüche. Das hätte was unterwegs gegeben! Hier hat doch der heilige Jakobus auch der Infodame einen Tipp gegeben. Ich fahre also parallel westlich an die Ostseeküste „um einen der schönsten Teile Estlands “ nicht zu verpassen. Was gar nicht meine Art ist: Ich habe ein Hostel buchen lassen- Infodame, so dass das Gesuche nicht anfängt, wenn ich am Abend eintreffe. Auch die Preise stimmen dann! Wer auf den letzten Drücker kommt, zahlt immer mehr…doch hier nicht. 500 EEK kommt der Dame sofort über die Lippen, die Rezeption sei dann auch gleich zu. Das Zimmer ist gut, das Bett miserabel, eine Art Liege, wo ich gerade mit meinem ausgedehnten Kreuz draufpasse. Aber ich habe einen Massageshop entdeckt, das brauche ich unbedingt. Termin: 19.30 h Ich schlendere durch den Ort und komme zu einer Kirche. Heilige Messe steht da, 18.30 h. Fest des Hl. Jakobus!!! Ich frage einen Wartenden, ob das eine katholische Kirche sei, nein, nein wir sind lutherisch, wir sagen aber auch Hl. Messe. Ich trete ein: Bis auf die Weihwasserbecken und die Kniebänke ist alles katholisch, sogar das Messgewand des Priesters wie in meiner Jugendzeit, der macht sogar ein Kreuzzeichen! Nur der Manipel fehlt… Die Zeremonie gleicht auch der früheren tridentinischen Form. Ja, sagt mir einer: Wir waren ganz nahe daran uns mit Rom wieder zu versöhnen, dann haben die Skandinavier schnell die „Pfarrerin und die Bischöfin eingeführt“, aus war es! Er macht kein glückliches Gesicht. Aber noch etwas ist aus der Kirche zu berichten: Es singt ein Chor, ein evangelischer Chor, ein Chor aus Deutschland. Wunderbar! Das ist nun schon der dritte hier im baltischen Raum dem ich begegne. Missionierung mit Chören! Leider muss ich zu meiner Massage, sodass ich das Ende der Hl. Messe/lutherisch nicht erleben. Gerne hätte ich die Leute befragt. Die Preisstruktur Pärnus ist gegenüber meinen bisherigen Erfahrungen ungefähr doppelt so hoch wie in den bisher bereisten Teilen. Seebad. Hier hat man zugeschlagen, richtig auf EG-Kosten. Die Altstadt ist hermetisch durch die Preise abgeriegelt von den Esten. Wenn eine Verkäuferin an der Kasse 4500 EEK verdient, wie will dann so eine Dame für ein Abendessen 500 EEK zahlen? Man verlasse diesen Ring und siehe da, der halbe Liter Bier kostet keine 55, sondern 23EEK. Wie die das hinkriegen…Ich meine dass Pärnu den Bogen überspannt hat. Bestimmt stecken hier unsere schnellen Geldmacher mit ihren Moneten dahinter! Hoffentlich merken es die Einheimischen hier früh genug. Morgen früh gibts noch einmal eine Massage und dann die 200 km Richtung Riga. PS: Auch das von der EG gefördete Internet, was sonst immer gratis war, kostet hier Geld…

Mission mit Kirchenchören – deutsche Kantorei singt in Pärnu. Evangelischer Gottes-
mit katholischer vorkonziliarer Zeremonie. Ähnliches erlebte ich in Schweden. 
19. Tag
Donnerstag, 26.Juli 2007, 29 km
Pärnu – Tackendorf oder Tahkurannaküla, heisser Tag
Der Abmarsch aus Pärnu gestaltet sich langsam, wie sich das für einen inzwischen 67-jährigen gehört! Massage, Infos sammeln, Strandpromenade geniessen bei einem halben Liter Bier. Ich könne bis Riga 200km durch den Wald laufen: Rechts das Meer und links die Rennstrecke, neu. Ich solle auf der alten Ragaer Strasse bleiben, da kann nichts passieren. Das ist zwar herrlich, ich mache das auch. Baden laufen, baden. Da kommen aber keine Kilometer zusammen, auch geht der Weg im Zickzack. Herrliche Häuser sind hier zu sehen. Die Datscha ist und bleibt der Traum eines Osteuropäers. Vielleicht kann mir den Grund ein Kenner mal ins Gästebuch schreiben. Jedenfalls ein herrliches Haus, neue!, neben dem anderen. 
Paernu, Estischer Badeortstil, muesste mal weiß gestrichen werden, siehe auch Ruegen
Bis ich mich plötzlich zwischen einem Gewirr von Schützewerden, siehe auch Ruegenngräben befinde. Da kann man nicht quergehen, die muss man u m g e h e n und das kostet Zeit. Tausende von Autoreifen und verlassene Bunker um mich herum. Hier hat wohl Russland einiges zurückgelassen. Doch dann wieder Datschas und friedliche Surfer. Gegen Abend als ich merke, dass ich noch ein paar Km machen muss, gehe ich auf die Strasse und dann geht es eben in meinem Schritt 5,4 km /h voran. Auf der Strasse hält vor mir ein Auto. Kein Problem hier auf der belebten Strasse. Hier passiert nichts! Ein 70jähriger Herr steigt aus. Sie sprechen deutsch? Aha, wieder einmal die Lederhose! Perfektes Deutsch. Er hat es von seinen Eltern gelernt. Er erzählt viel über seine Kindheit, er bekommt eine Karte und ist glücklich. Da kommt ein Campinglatzschild: Tackendorf. Da es ostseewärts weist, ist das kein Problem. Von Tackendorf – 2km geht bestimmt die alte Rigastrasse wieder weiter. Der Platz ist sauber und gepflegt, die Ostsee 200 m entfernt und kostet mich 75 EEK. Es ziehen einige Gewitterwolken auf und ich hoffe im Stillen, nur im Stillen!, dass es heute Nacht doch mal einen ordentlichen Wolkenbruch geben müsst, damit ich mein Zelt testen kann… denn hier gibt es auch Möglichkeiten unter ein Dach zu flüchten. Aber es regnet nicht! In ca 60 km bin ich in Lettland.
PS: Wie diese Berichte zustandekommen? Bitte verzeiht mir so manche Fehler. Ich kann sie hier nicht ausmerzen. Ich schreibe einfach drauf los und bitte meinen Sohn Dominik, das Offenkundigste zu beseitigen. Hinter mir stehen ja immer Leute, die auch an die Kiste wollen und oft kostet es auch Geld. Also seid nachsichtig.
Und immer wieder ein Abstecher an die Ostsee
20. Tag
Freitag, 27.Juli 2007, 34 km
Tackendorf – Kabli, bedeckt, Regen,
Man fühlt sich beim Marsch an der Küste immer zwischen Waldweg und Strasse hin- und hergerissen. Waldweg heisst schön und umwegig, Strasse heisst unschön aber es bringt Kilometer. Das Problem ist, dass hier nichts durchgehend ausgeschildert ist, obwohl der Radweg Nr. 1 bis Riga gehen soll. EG-gefördert! Irgendwo steht man dann im Wald, entscheidet sich und landet mit der Sackgasse auf einer Datscha… oder zwischen den Schützengräben eines sowjetischen Truppenübungsplatzes… also wieder zurück und Richtung Strasse. Meistens gehe ich Waldwege und Umwege. Die orthodoxe Kirche von Tackendorf ist ein herrlicher Backsteinbau, benötigt dringend eine Sanierung, alles mit Gras zugewachsen. An der provisorischen Blechtüre ein Schlitz mit der Bitte um eine Spende für die Erhaltung der Kirche. Dieser Tag wird als der Tag der Begegnungen in meine Aufzeichnungen eingehen. Zuerst ein Förster, dann eine Dame von der estischen Post, dann ein tschechischer Germanist, der sich als Reiseleiter verdingt (Göttingen), dann 3 nette Radler (München, Liechtenstein, Schweiz), denen ich einge Tipps geben kann, dann 2 Esten, die mir auflauern und mich mit Sprite versorgen wollen und 10 km weiter mit Bier empfangen, und dann noch irgendeine Zeitung die Reportage und Fotos macht. Gegen Abend muss ich im Poncho laufen – aber da kommen Kilometer zusammen! Als es mir zu nass wird, schaue ich auch schon einmal rechts und links. Ich grüsse, man grüsst zurück, ich mache das Zeichen „Schlafmöglichkeit“, beide Hände ans Ohr, Kopf geneigt, man nickt, ich öffne das Tor, trete in den Hof und habe ein hübsches, neues Holzhäuschen mit drei Betten. Eines wird sofort bezogen, heisse Dusche, Lebensmittelladen nebenan, was will man mehr. Das ist Gastfreundschaft.
Der Hof hat direkten Zugang zur Ostsee, 200 m. Hier auf dem Hof gibt es Hunde, Wellenreiter, Sauna, Ruderböötchen, viele neckische Dinge wie ich sie aus Skandinavien in Erinnerung habe. Das Plumpsklo ist eine wahre Fundgrube…von netten Sachen an der Wand, einschliesslich der gewissen Schei…hausbücher! Wie sagte mir neulich ein Freund: Wenn wir für dieses Geschäft keine Zeit mehr haben – wären wir schon verloren! Mir juckte es hier ein wesentliches Zitat des Hl. Ignatius von Loyola loszuwerden, habe es mir aber wegen der Unwürde des Örtchens verkniffen. Irgendwann kommt es noch! Jedenfalls ist der Hof voller origineller Einfälle, was von Esprit zeugt. Die Chance einen estnischen- baltischen – Hofsablauf mit Familie zu erleben, öffnet sich mir bestimmt nicht mehr. Der Sohn lässt mich an den Computer, die Frau des Hauses bestellt einen Masseur was will ich noch mör, ich bleibe noch einen Tag mör!- Eine Faulenzerei ist das gegenüber meinen früheren Reisen. Aber man ist ja nun schon 7 Jahre älter… Nix ULTREIA für heute.

Meine Hütte – 3 Betten und Heisswasserkocher

Enkelkind des Hauses. Mutter muss in Irland abeiten.

Schwester der Familie aus Tallin – macht Urlaub und hilft
Im Hintergrund der Erdkühlbunker-wie in Franken mit den Flaschen vom Vorabend
21. Tag
Samstag, 28.7.2007, 10 Radl-Km, 6 km zu Fuss
Kabli, Faulenzertag, sonnig bedeckt,
Nachdem der Entschluss für das Bleiben klar war, liess ich ganz langsam angehen. Ausschlafen. Bad in der Ostsee- man muss weit hineinlaufen, wie beim Platten- oder Neusiedlersee. Die Dame des Hauses bringt mir ein Gästebuch, da fällt mir der Spruch von Johanna Jäger aus Giershagen ein: Vor`s Gästebuch so hingesetzt, kommt der Entschluss: Man fühlt sich wie aufs Klo gesetzt, auch wenn man gar nicht muss… Ich male der Familie 3 Bilder untereinander: 1. Ein Wandersmann – unverkennbar ich- läuft, 2. Die Hofansicht von der Strasse aus und 3. Es liegt einer im Bett und schnarcht. Neben die Bilder: …ich kam …ich sah …ich schliefte! Ach so, Axel fragte an, warum ich denn von Tartu an die gewechselt bin, denn er macht sich ja Sorgen, dass ich wieder mit meinen Neppgeschichten von Schweden bis Sizilien anfange. Keine Sorge Axel! Das ist hier wirklich einer der schönsten Ecken Estlands. Herrliche Wanderwege, nette Menschen. Die Abzocker sind nur im Touristenviertel von Pärnu, lies dort!, zu finden. Der letzte Campingplatz kostete 75, die Leute hier wollten gar nichts haben…ich gab natürlich! Und heute abend gebe ich eine Party: Wurst und Bier, dazu der hier allseits beliebte Jägermeister. Der Grill wird draussen schon angeheizt. Ich verabschiede mich für heute, denn ich glaube, dass ich nach der Party nicht mehr an den PC komme. PS: Die nette Masseurin war natürlich auch da, professionell mit Klappbank. Warum schon wieder Massage? Das hängt mit einer Kleinigkeit zusammen, über die ich noch unter dem Thema „Beschwerden“ berichten werde. Einen schönen sauerländischen Abend, der garantiert nicht ohne Warsteiner, Veltins oder Krombacher läuft, wünscht Euer Jonny Walk…äh Wolfgang.
Der Jägermeister war die Vorspeise. Der Sohn hatte den Grill angeworfen und die Würstchen gegrillt. Ein Kampftrinken wie in Skandinavien habe ich hier nicht angetroffen. Als sich die 12 Flaschen Bier dem Ende neigten, schnappte sich jeder seine Flasche und dann ging es in die Sauna. Bier und Sauna gehören zusammen meinte einer. Leider war die Sauna bis auf 60 Grad heruntergedümpelt, weil die Frauen vor uns vergessen hatten Holz nachzufüllen. Wir heizen sie wieder auf 85 Grad auf und der Tag geht mit dem letzten Bier wunderbar zu Ende. Morgen ruft die Grenze zu Lettland, nur noch 16 km. Es soll dort anders sein, sagen die Leute hier, aber das sagen immer alle von den Nachbarn!

Abendparty – auch für den Hund! Hunde lieben mich!
Abmarsch aus Kabli, Foto von Kalev Lilleorg
22. Tag Sonntag, 29.Juli 2007, 27 km
Kabli nach Ainazi, Regen und Sonne
Der Abschied ist rührend. Es werden noch einige Familienfotos geschossen, die hoffentlich an Domi gesendet werden. Was waren das nette Leute! Dann auf die Strecke zur lettischen Grenze! Das Wetter ist bestens zum Laufen. Bedeckt, Sonne, bedeckt…später dann Regen. Regenkleidung angelegt: Poncho, Strümpfe aus, Sandalen an! So kann ich den ganzen Tag laufen ohne nass zu werden. Abends kurz die Füsse abgetrocknet und Strümpfe an! Das ist nach schon bald 10.000 km eine eingespielte Sache. Klappt natürlich nur im Sommer…


Suchbild: Wo ist Wolfgang und was hat er an?
Wo es geht, springe ich eben in die Ostsee und bade kurz und dann wieder weiter. Vor Ikla hält ein Auto: Familie mit 80jähriger Oma steigt aus. Finnen. Sie kennen mich von Finnland… das ist 3 Jahre her! Sie sind ganz aus dem Häuschen. Fotos werden gemacht und Oma hängt mir einen Sack mit Gurken und Tomaten an den Rucksack. Sachen gibts! Die Welt ist klein! Es war wohl bei Karesuando 2004. Auf meinem kleinen Weg ist die Grenze für Fussgänger frei. Autos müssen über den Grenzkontrollpunkt fahren. Doch wo bekomme ich lettisches Geld her? Es ist Sonntag! Da ich noch viele estische Kronen habe, möchte ich sie in lettische tauschen. Doch das Geschäft hinter der Grenze tut es nicht. Es ist nichts schlimmer, als allein ohne Geld in einem fremden Land herumzulaufen. Als ich die 3 km zum Kontrollpunkt laufen will, kommt mir ein Holländer entgegen, der hier ein Ferienhaus hat. Keen Problem! Er geht mit mir in das Geschäft und schon habe ich eine lettische Grundausstattung in Lats. Weiter! Kaum bin ich einen Kilometer gelaufen, hält ein Auto neben mir. Zwei Damen steigen aus – fragen mich aus, das Übliche, und bitten mich kurz in das Ferienlager ihrer Kinder zu kommen, um denen ein kleines Event… zu bieten. Ich komme hier einfach nicht in die Pötte! Die Kinder hängen an meinen Lippen und an meinem komischen Outfit. Es ist schon 18.30 h und so wird mir angeboten im Haus zu übernachten. Dankbare Menschen, dankbarer Wanderer. Gleich gehts zum Abendessen, dann ans Meer zum Baden und dann gelingt es mir trotz Regen ein riesiges Lagerfeuer zu entfachen. Schade, dass ich die Gitarre im Haus gelassen habe, die kommt dann vor dem Schlafengehen zum Einsatz. Im Shop kaufe ich für die Erzieherinnen 3 Flaschen Tokaier und mit vielen Fragen geht der Tag zu Ende. Sprachlich geht alles über Englisch. Alle sind zufrieden. Ich, die Lehrerinnen und die Kinder.
Die Ferienkoloniekinder. Dankbar. Event: Wandersmann nach Germania
Forstamt – sie dürfen an unseren Computer!
Blick von einer Brücke
23. Tag
Montag, 30. Juli 2007
Ainazi im Ferienlager, 8 km, starker Regen,
sonst durchwachsen, gegen 3h nachts kleiner Orkan
Es ist einfach gemütlich bei den netten Menschen. Ich bleibe noch einen Tag. Draussen stürmt und regnet es stark. Nachts kam dann ein kleiner Orkan. Morgens alles voller abgebrochener Äste. Jedenfalls wird mein Bleiben mit Hallo aufgenommen. Eine Lehrerin wirkt mit den Kindern Wollbilder. Ich schliesse mich an. Man nehme Wollfliesse und reibe sie so lange mit Seifenlauge bis diese sich verfilzen. Alle machen Meer mit Sonnenuntergang, ich knete Birke mit Wiese und Sonnenuntergang.
„Birke mit Wiese und Sonnenuntergang“ – mein Kunstwerk in der Fereinkolonie
Daina zeigt mir, wie man Wollbilder macht. 
Liederabend – auch ich mußte ran. Europäische Volkslieder.
Wenn die Kinder im Bett sind wird gefeiert
Am Nachmittag geht es ins Feuerwehrmuseum. Alte Rosenbaum-Spritze, nett gestaltetes Museum. Auch ein deutscher Schriftverkehr von 1932 aus Linz a.d. Donau: Sie sollen endlich mal die Spritze bezahlen, sie hätten sie ja immerhin schon 3 Jahre…Inzwischen ist das beste Einsatzfahrzeug ein Wagen aus Holland, Geschenk der Stadt x, DAF, Aufbauten auch Rosenbaum, ist bezahlt…!
Die Erzieherinnen sind gefordert, um im Haus bei schlechtem Wetter mit den 20 Kindern Betrieb zu machen. Klappt toll. Die können sich hier noch an Spielen erfreuen und z u h o e r e n !!!! Die Tochter einer Leiterin erscheint mit Gitarre und singt mit wunderbarer Stimme lettische Volkslieder, etwas schwermütig, wir kennen das ja von den ostpreussischen Volksliedern: Es dunkelt schon in der Heide… Dann bin ich an der Reihe. Ich bitte um ein europäisches Land und singe ein Lied, die die mich kennen, wissen, dass mir das keine Mühe macht. Leider muss ich bei Lettland passen, aber deswegen sei ich ja hier um eines zu lernen – Begeisterung. Platt ist man allerseits als ich mit mächtiger Stimme ein russische Lied singe. Dann soll es zu Bett gehen – aber keiner geht…später geht es dann an das magisch anziehende Gestade. Dunkel. Langes Seil und alle halten sich daran fest. Die Hälfte badet. Ohne Klamotten – Erinnerungen an die eigene Jugendzeit!
Was bei mir selten gelingt – aber die haben es geschafft!
Da die Grenze nahe ist, einschliesslich der Wechselstube, bitte ich eine „Kollegin“ mich dorthin zu fahren, damit ich meine 1671 estischen Kronen endlich umtausche. Düstere Wechselstube. Ich lege das Geld hin. Er zählt, schreibt auf einen Zettel 1671, ich nicke, er rattert mit seiner Rechenmaschine und gibt mir Bon und Geld 64 und paar zerquetschte Lats. Ich gehe glücklich von dannen, endlich ausgerüstet zu sein. Zu Hause überschlage ich die Sache, das ist ja viel zu wenig! Richtig. Doch der Bon gibt die Summe des lettischen Geldes nicht an. 500 EEK sind verschwunden und von mir nicht nachweisbar…Bei wie vielen doofen Deutschen mag er das schon gemacht haben?! Immerhin sind es ja 500 :15= 33 Euro.
24. Tag Dienstag, 31. Juli 2007
Ainazi-Dzeni, Campingplatz, heisser Tag, 34 km

Unter meinem Hostelfenster : Entree zu einer russischen Hochzeit. Viel Symbolik. Alles muss stimmen!

Unverkennbar der skandinavische Einfluss in Estland – Estonia
Nicht selbst gefangen, ich durfte sie auch mal halten
Filetieren für den nächsten Grillabend

Foto- einfach mit Links. Unrasiert und fern der Heimat.
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